Strukturwandel des Wissens im Web

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Hans Ulrich Gumbrecht: Google weiss viele Antworten auf unsere Fragen. Wir lernen auch gerade, dass Wissen im herkömmlichen Sinn sich verändert. Aber wie es sich verändert, weiss nicht einmal Google, Neue Zürcher Zeitung 10.08.2021 analysiert den Strukturwandel des Wissens durch die Suchmaschinentechnologien des Web. Zunächst beschreibt er das Selbstbild des Menschen, die „Grenze zwischen dem Menschenmöglichen und dem früher Unmöglichen„,  der Unerreichbarkeit,  aus dem sich die Allwissenheit der monotheistischen Götter entäußert. Im Mittelalter geht noch das Wissen aus der Gnade der göttlichen Offenbarung hervor und verbleibt selbst schriftlich fixiert in diesem hermetischen Rahmen. „Erst mit den Säkularisierungsschüben der frühen Neuzeit und der aus ihr entstehenden Erwartung einer offenen Zukunft wurde Wissen zu einer von den Menschen selbst produzierten konzeptuellen Erfassung der Welt, die auf permanente Erweiterung gestellt war und zunehmend auch auf Verbesserung der Welt.“

Die Ordnung des Wissens unter der Prämisse der Objektivität geht nunmehr in der Allwissenheit des World Wide Web auf. Dabei wird das absolute, statische Wissen, das sich durch seine Qualität definiert,  in einer Handlungsorientierung, die sich in Fragestellungen wiederfindet,  durch die Suchmaschinen aufgelöst und findet ihr Wahrheitskriterium in Prognosen statischer Wahrscheinlichkeit, „der arithmetisch erfassbaren Zahl der jeweiligen Benutzer.“

Während noch oft an dem traditionellen Bildungsanspruch festgehalten wird, sind die Folgen eines solchen quantifizierenden Wissens noch nicht abzusehen.