Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten

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Christian Wendelborn: Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten, Blogbeitrag Philosophie aktuell , philosophie.ch Swiss Portal for Philosophy 19.11.2018 fordert, dass die mit dem Begriff „fake News“ benannten Phänomene, insbesondere politisch motivierte Desinformation politischer Medien, nach wie vor analysiert werden müssen. Den Begriff selbst hält er aus drei Gründen für ungeeignet:

1. „Fake News“ hat keinen festen und kontextunabhängigen Gehalt

Viele Autoren „scheinen die Annahme zu teilen, dass die Wendung „fake news“ eine allgemeine Bedeutung, also einen festen und kontextunabhängigen semantischen Gehalt hat, die die Philosophin mit den Mitteln der Begriffsanalyse nur herausarbeiten müsste. Diese Annahme ist aber, wie ich denke, fragwürdig. Denn „fake news“ wird von verschiedenen Sprechern in unterschiedlichen Kontexten auf ganz unterschiedliche Gegenstände angewendet.“ Die Analyse des Begriffs ist somit nicht wertfrei, sondern geht von der Voraussetzung des Verständnisses in bestimmten Teilen der Gesellschaft aus. Der Begriff könnte daher allenfalls kontextuell analysiert werden.

2. „Fake news“ ist ein politischer Kampfbegriff

Erstens wird „fake news“ in der politischen Auseinandersetzung gerne genutzt, um andere Meinungen und Personen zu diskreditieren und zu attackieren und komplexe Zusammenhänge (unangemessen) verkürzt darzustellen. Die Argumente und Positionen der jeweils anderen Seite werden mit Verweis auf fake news schnell zum Ausdruck der Irrationalität, Verführbarkeit oder ideologischen Verbohrtheit des Gegners. Man nutzt „Fake news“ zunehmend als politischen Kampfbegriff und damit mehr als rhetorisches Mittel und weniger als Werkzeug zur Aufklärung und Verständigung.“ Zweitens charakterisieren Machthaber damit ihnen ungelegene journalistische Beiträge. Von diesem politischen Ballast kann der Begriff kaum befreit werden.

3. „Fake news“ ist ein epistemisches Schimpfwort

„Der Begriff hat nicht nur deskriptiven Gehalt, d.h. er beschreibt nicht einfach nur einen Sachverhalt. Er hat auch einen evaluativen und einen expressiven Gehalt. Der evaluative Gehalt besteht darin, dass mit dem Begriff immer auch eine Wertung abgegeben wird.“ Der evaluative Gehalt enthält negative nicht-kognitive Einstellungen, die zu einer Abwertung und Herabsetzung des Anderen und eigener epistemischer Arroganz führen.

Schließlich werden mit dem Begriff unterschiedliche Phänomene benannt, die differenzierte Beschreibungen und Bezeichnungen erfordern: „Das eine Phänomen besteht in der Verbreitung von falschen oder irreführenden Berichten mit der Absicht, die eigene politische Agenda zu verfolgen. Hier wird ganz bewusst mit einem bestimmten politischen Ziel Meinungsbildung durch Desinformation betrieben. Das andere Phänomen stellt dagegen die Herstellung und Verbreitung von falschen oder irreführenden Meldungen mit dem Ziel der finanziellen Bereicherung dar.“ (Clickbaiting, Bewertungsmanipulation usw.)

Image und Selbstbild im Datenstrom. Straflust und Strafangst im digitalen Gefängnis

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„Wenn jemand bei Facebook „postet“, dann löst er etwas von sich ab, und unterstellt es der Begutachtung und Bewertung all jener, denen der Einblick gewährt ist.“ Manuel Güntert: Unser digitales Image, in: Hohe Luft 08.01.2020 analysiert die Dichotomie zwischen dem öffentlichen Teil der Selbstdarstellung im Datenstrom, dem digitalen Image, und dem verbliebenen Rest, von deren Teilhabe die digitale Welt ausgeschlossen ist. Selbst dieser Rest ist aber schon durch diese Unterscheidung bestimmt, deren Regeln der Datenfluss setzt und die als digitales Image verinnerlicht werden und zur Selbstkontrolle zum Einsatz kommen.
„So machen anerkannte Eigenschaften und ihre Beziehung zum Image aus jedem Menschen seinen eigenen Gefängniswärter; es ist dies ist ein fundamentaler sozialer Zwang, auch dann, wenn ein Mensch seine Zelle gerne mag. Der digitale Fluss steht so für die unumgängliche körperlose Verkörperung der je eigenen Unterwerfung unter die je Anderen. Dabei ist jeder Einzelne immer sowohl Beobachter wie auch Beobachteter und dadurch immer sowohl Unterwerfer wie auch Unterworfener.“
Dieses digitale Gefängnis übt den Häftling in ein „Modell des Gehorsams“ ein, wenngleich die freie Ausgestaltung der Zelle die Fiktion von Individualität enthält. Der Datenfluss, dem „verinnerlichte Beobachtung zwingend vorgängig ist“, wirkt so massiv auf den Einzelnen ein, prägt den „digitalisierten Beobachter in ihm“
„Insofern die innere Beobachtung einem den Raum zwar zu Teilen gibt, ihn insgesamt aber eher nimmt, wird über das so generierte digitale Image Transparenz hergestellt: Indem es unser Inneres ausleuchtet, gleicht unser je „individuelles“ digitales Image uns Menschen einander an.“
Die vollständige Herstellung der Homogenität, die Individualität aufgesogen hat, im Datenstrom wird nur dadurch verhindert, dass der Datenstrom seine Fließrichtung ändern kann. „Wiewohl er eine Marginalie ist, kann jeder einzelne Teilhaber diese potentiell umlenken, und sei es nur durch ein einzelnes, immenses Aufsehen erregendes Posting. So beinhaltet der Kampf um Aufmerksamkeit, der dem Posten notwendig innewohnt, immer auch ein Tauziehen, in welche Richtung der Fluss zu fließen hat. Wer sich imstande zeigt, dessen Fließrichtung zu bestimmen, der wirkt auf etwas ein, an dem die je Einzelnen schlechterdings nicht vorbeikommen, wenn sie ihr eigenes digitales Image ausgestalten.“
Allerdings beinhaltet die Abweichung immer das Risiko und die verinnerlichte Angst, Imageeinbußen durch ein Shitstorm zu erleiden. Der digitale Fluss, der „von Straflust und Strafangst durchströmt ist“ wird so im wesentlichen in seiner Fließrichtung gehalten.

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