Fake News und moralische Identität

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Philipp Hübl: Bullshit, Fake-News und Verschwörungstheorien: Wo finden wir in unserem täglichen Informationsmüll die Wahrheit? Und gibt es sie überhaupt?, in: Neue Zürcher Zeitung 28.3.2019 vertritt die These, dass es bei Fake News hauptsächlich um moralische Identität geht: „Tatsächlich geht es bei Fake-News aber gar nicht primär um Wahrheit, sondern vor allem um Moral. Wenn Menschen Nachrichten fälschen und verbreiten, dann haben sie fast immer eine Motivation: Sie wollen ihr moralisches Weltbild bestätigen oder all das als «Lügenpresse» diskreditieren, was diesem Weltbild widerspricht.“

Dadurch wird nicht nur der Themenkreis der Fake News eingegrenzt. Sondern auch das „Stammesdenken“, die Bewahrung der zentralen Werte der eigenen politischen Gruppe, behindert die Reflexion, so scharfsinnig sie sich auch geben mag. „Je scharfsinniger seine Probanden waren, desto mehr neigten sie zu Fehlinterpretationen.“
Hübl unterscheidet zwei aktive Erzeuger von Fake News: Der Lügner (sagt vorsätzlich die Unwahrheit). „Der Bullshitter  (ein Fachwort des Philosophen Harry Frankfurt) hat zwar ebenfalls oft eine politische Agenda, nimmt allerdings die Unwahrheit nur billigend in Kauf. Was ihm in den Kram passt, verbreitet er. Ob es sich als wahr oder falsch herausstellt, ist ihm egal.“ Das Ganze wird aber einem dritten Typus, dem „Trottel“ verbreitet, „der den ganzen Unfug anklickt, Likes gibt und teilt.“
Alle drei sind der moralischen Identität, dem Stammesdenken, verhaftet und verkörpern jeweils nur die aktive und die passive Seite.
Hübls Empfehlung, sich durch „Wachsamkeit und Nachdenken“ vor Fake News zu schützen, läuft allerdings in eine Aporie, da er die Funktion der Fake News erklärt, nicht aber ihre Entstehung, die gezielte Konstruktion, Kreativität, Poetik einerseits oder aber die Immunisierung des Mainstreamdenkens, das sich in bestimmte Fake Elemente verpuppt oder graduell in Fake News abgleitet, andererseits.
Seit Thomas Kuhns Paradigmenwechsel wissen wir außerdem, dass selbst die Wissenschaft sich in Paradigmen bewegt, nur innerhalb derer in der Regel  Hypothesen überprüft werden. Paradigmenwechsel erfolgen nur durch die Änderung der Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.