Fehleinschätzungen der Fake News

Sacha Altay, Manon Berriche, Alberto Acerbi: Misinformation on Misinformation: Conceptual and Methodological Challenges, Social Media und Society January-March 2023 vertreten in ihrem Überblick über den Forschungsstand, dass es sich bei der Fake News Diskussion um einen Fall von Moralpanik handelt. Dramatisierende Berichterstattung führt zu einer überzogenen Wahrnehmung von Bedrohung durch Fake News. In ihrem Abstracts fassen sie zusammen:
“Alarmistische Erzählungen über Online-Fehlinformationen gewinnen weiter an Boden, obwohl es Beweise dafür gibt, dass ihre Verbreitung und Auswirkungen überbewertet werden. Auf der Grundlage von Untersuchungen zur Nutzung von Big Data in der Sozialwissenschaft und in der Rezeptionsforschung identifizieren wir sechs Fehleinschätzungen über Fehlinformationen und zeigen die konzeptionellen und methodischen Herausforderungen auf, die sie aufwerfen.

Die erste Gruppe von Fehleinschätzungen betrifft die Verbreitung und den Umlauf von Fehlinformationen.
Erstens: Wissenschaftler konzentrieren sich auf soziale Medien, weil dies aber Fehlinformationen sind nicht nur ein Problem der sozialen Medien.
Zweitens: Das Internet ist nicht voll von Fehlinformationen oder Nachrichten, sondern mit Memes und unterhaltsamen Inhalten.
Drittens: Unwahrheiten verbreiten sich nicht schneller als die Wahrheit; Wie wir (Fehlinformationen) definieren, beeinflusst unsere Ergebnisse und ihre praktischen Auswirkungen.

Die zweite Gruppe von Missverständnissen betrifft die Auswirkungen und den Empfang von Fehlinformationen.
Viertens: Die Menschen glauben nicht alles, was sie im Internet sehen: Der schiere Umfang des Engagements sollte nicht mit Glauben gleichgesetzt werden.
Fünftens sind die Menschen eher uninformiert als Erhebungen überschätzen Fehleinschätzungen und sagen wenig über den kausalen Einfluss von Fehlinformationen aus.
Sechstens, Der Einfluss von Fehlinformationen auf das Verhalten der Menschen wird überbewertet, da Fehlinformationen oft “für den Chor predigen”. Um Fehlinformationen zu verstehen und zu bekämpfen, muss sich die künftige Forschung mit diesen Herausforderungen befassen.”

Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Faktencheck-Datenbank

Im Vorfeld der Europawahl ist eine EU-weite Faktencheck Datenbank aufgesetzt worden: Election24 Check.
“The first of its kind database that gathers and categorises fact-checked information for European countries and citizens ahead of the 2024 European Elections. It has been created in collaboration between over 40 European fact-checking organisations and the European Fact-Checking Standards Network, supported by the Google News Initiative. In the database, you will find political fact-checks, disinformation debunks, prebunking articles and narrative reports on transcontinental trends detected with the help of the database.”

Desinformation auf TikTok

Hilfe gegen Desinformation auf TikTok – wie Jugendliche bei der Erkennung von Falschinformationen auf Videoplattformen unterstützt werden können.
“Ein Forschungsteam der Technischen Universität Darmstadt hat erstmals untersucht, wie man Jugendliche auf der Kurzvideoplattform TikTok bei der Erkennung von Desinformation unterstützen kann. Ergebnis: Die Jugendlichen akzeptieren Warnhinweise besonders gut, wenn diese nachvollziehbar begründet werden. Anzeichen für Desinformation auf einer Videoplattform lassen sich zum Beispiel in Kommentaren oder bei den Urheber-Informationen finden, und auch emotionalisierende Musik, Mimik und Gestik können ein Hinweis auf Desinformation sein.

Katrin Hartwig, Tom Biselli, Franziska Schneider, Christian Reuter (2024): From Adolescents‘ Eyes: Assessing an Indicator-Based Intervention to Combat Misinformation on TikTok. Proceedings of the 2024 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems .

Tiktok Radikalisierung

Die Bildungsstätte Anne Frank fasst in ihrem Report #Nahostkonflikt die Beobachtungen relevanter Plattformen aus den ersten drei Monaten nach dem Terroranschlag in einer ad-hoc-Analyse zusammen.
Deborah Schnabel, Eva Berendsen: Die TikTok-Intifada – Der 7. Oktober & die Folgen im Netz. Analyse & Empfehlungen der Bildungsstätte Anne Frank, Bildungsstätte Anne Frank 2024
Zunächst wird Tiktok als Massenmedium vorgestellt. Die antisemitische Radikalisierung auf Tiktok seit dem 7. Oktober wird beschrieben. Die Hermeneutik des aktuellen Antisemitismus – Mainstreaming, Manichäismus, Dehumanisierung, Progressivistische Maskerade wird analysiert.
Besonders wichtig ist dabei die soziologische Analyse der Dialektik von Herrschaft, Manipulation und Intimität:”Eine Generation junger Menschen, die sich ihr Weltbild aus Videoschnipseln und Fetzen von Demagogie zusammengesetzt hat, wird bald in die Gesellschaft nachrücken, Einfluss nehmen, durch Wahlen und Abstimmungen Entscheidungen treffen. Eine Welle, auf die die Gesellschaft schlichtweg nicht vorbereitet ist. Die schon geschilderte „Intimität” macht die Plattform dabei nahezu unangreifbar für Kritik. TikTok ist auf mehrere Weisen intim: Die For-you-Seite vermittelt das Gefühl, verstanden zu werden und unter einer großen Zahl von Gleichgesinnten zu sein, die die wahre Natur der Dinge durchschaut haben – im Gegensatz zu Lehrkräften, Eltern etc. Hier gibt das Medium allein schon technisch, durch seine Anschmiegsamkeit an jugendliche Cocooning-Bedürfnisse und noch unabhängig von allen Inhalten den Takt vor. Gleichzeitig ist das öffentliche Sprechen über die Plattform sozial noch stark tabuisiert. Wer etwas auf TikTok sagt, hat es nicht in der „wirklichen Welt” gesagt – zu der gelegentlich immerhin Twitter und YouTube schon gehören. Politiker*innen, Journalist*innen, aber auch Pädagog*innen bewerten Videos nicht, kritisieren nicht. So entziehen sich Influencer*innen der Öffentlichkeit, werden niemals mit den Konsequenzen ihrer Radikalisierungsnarrative konfrontiert. Der Gegenwind, den sie verspüren, ist auf die Plattform selbst begrenzt – und bleibt daher selbst intim. Während das Medium das Weltwissen einer ganzen Generation prägt, wird es öffentlich verhandelt wie ein beliebiges Handyspiel.”

Siehe dazu auch: Vera Schroeder: Warum radikalisieren sich junge Menschen über Tiktok so schnell?, Süddeutsche Zeitung 08.02.2024 (hinter der Bezahlschranke)

Fakeschleuder Suchmaschine

Können Suchmaschinen im Gegensatz zu sozialen Medien dazu beitragen, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten zu überprüfen? Kevin Aslett, Zeve Sanderson, William Godel, Nathaniel Persily, Jonathan Nagler, Joashua A. Tucker: Online searches to evaluate misinformation can increase its perceived veracity, Nature 20.12.2023 haben dies in fünf Experimenten mit tausenden Teilnehmern anhand der Themen Corona-Pandemie, Trump und Klimawandel untersucht. “Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass diejenigen, die online suchen, um Fehlinformationen zu bewerten, Gefahr laufen, in Datenlücken oder Informationsräume zu geraten, in denen es bestätigende Beweise aus minderwertigen Quellen gibt. Wir finden auch konsistente Beweise dafür, dass die Suche im Internet zur Bewertung von Nachrichten den Glauben an wahre Nachrichten aus minderwertigen Quellen steigert, aber widersprüchliche Beweise dafür, dass sie den Glauben an wahre Nachrichten aus Mainstream-Quellen steigert.” Bei den Nutzern der Suchmaschinen war die Wahrscheinlichkeit, Falschinformationen zu glauben, um 19 Prozent gegenüber anderen Internet-Nutzern erhöht.

Fake News und Komplottismus

Oliver Geyer: Philosophin Donatella Di Cesare über Komplottisten: „Viele fühlen sich ausgenutzt, übergangen und betrogen“. Hier Vernunft und Wahrheit, dort Pathologie und Verirrung? Wer Verschwörungstheoretiker stigmatisiere, mache es sich zu einfach, sagt die italienische Professorin Donatella Di Cesare, in: Tagesspiegel 31.05.2023 (hinter der Bezahlschranke). Di Cesare wendet sich gegen die Vorstellung eines Komplotts als Irrationalität, will somit die Spaltung zwischen Irrationalität auf der einen und Vernunft und Wahrheit auf der anderen Seite überwinden. Als politisches Phänomen verweist es auf eine immer anonymer werdende Macht, der man sich mit dem Verdacht, ausgenutzt, übergangen und betrogen zu werden, gegenübersteht. “Darum fühlen sich die Leute desorientiert und sehen keinen Fortschritt mehr. Sie empfinden die Demokratie als Täuschung. Aus dieser Ohnmacht und Entpolitisierung entsteht ein Komplottismus, der ständig fragt, wer im Hintergrund die Fäden zieht und Vorstellungen von einem ‘Deep State’ und einer ‘Neuen Weltordnung entwickelt.” Die Dichotomie von wahr und verrückt pathologisiert das Phänomen. Der Komplottismus entzieht sich dieser Dichotomie. “Der Mythos besitzt eine eigenen assoziative Syntax und labyrinthische Kohärenz, in den er seine Botschaft überträgt und die auch das Versprechen eines roten Fadens darstellt. Er besitzt seine eigene, absolute Wahrheit, die jeder Widerlegung widersteht.” Der Ansatz einer kognitiven Umerziehung muss daher scheitern. Es bleibt als Lösung nur eine “hermeneutische Gemeinschaft“, die nicht ausschließt, die verstärkten mythologischen Grundbedürfnisse erstnimmt, sich wissenschaftlichen Ergebnissen  nicht absolut alternativlos in Form von Expertenherrschaft unterwirft, sondern sie als politischen Gestaltungsraum ansieht. Das tiefe Ohnmachtsgefühl muss überwunden werden, das sich verbreitet hat und demokratische Prozesse behindert.

Russische Fake News

“Das russische Staatsfernsehen steuert mit gezielten Fehlinformationen die öffentliche Meinung über den Angriff auf die Ukraine. Doch wie genau wird hier gelogen? Das Team von „TV Rain“ um Moderatorin Masha Borzunova entschlüsselt dies mit „Fake News – Russische Propaganda für Anfänger“ in der ARTE-Mediathek und auf YouTube auch für ein deutsches Publikum. In aufwendig produzierten kurzen Episoden mit Einspielern aus dem russischen TV werden die größten Lügen auf pointierte Weise entlarvt.”
Internetadresse: arte.tv/fakenews

Faktencheck GADMO

“Das German-Austrian Digital Media Observatory (GADMO) ist ein Zusammenschluss von Faktencheck-Organisationen und Forschungsteams, die es sich zum Ziel gesetzt haben, gemeinsam Des– und Falschinformationen zu bekämpfen. Unter dem Motto „Fakten gegen Fakes“ arbeiten dabei erstmals die in Deutschland und Österreich führenden Faktencheck-Organisationen zusammen: die Deutsche Presse-Agentur (dpa), Agence France-Presse (AFP), die Austria Presse Agentur (APA) und das unabhängige Recherche-Netzwerk CORRECTIV. Sie kooperieren mit Kommunikations- und Datenwissenschaftlern des Instituts für Journalistik und der Fakultät Statistik der Technischen Universität Dortmund sowie des AIT Austrian Institute Of Technology.

Russisches Desinformationsökosystem

In einem Interview von Sven Scharf mit dem Kommunikationsexperten Lutz Güllner: Russische Desinformationskampagnen “In den sozialen Medien sehen wir verdeckte Geheimdienstoperationen” Spiegel 27.10.2022 (hinter der Bezahlschranke) wird beschrieben, wie russische Desinformation mit unterschiedlichen Instrumenten und Gruppen arbeitet, die nicht alle zentralisiert und gesteuert sind. Dieses “Desinformationsökosystem” fügt einerseits willkürliches Bildmaterial mit konstruierten Erzählungen zusammen, die leicht im Internet als Fake entlarvt werden können. Dem gegenüber stehen hochprofessionelle Kampagnen, z.B. das zahlreiche Klonen von Presse-Webseiten. Ziel sind zwei Dinge: “Erstens: Personen zu überzeugen oder zumindest zu verunsichern. Und zweitens: Manchmal geht es gar nicht darum, die Leute direkt von der russischen Sichtweise zu überzeugen, sondern einfach nur darum, Verwirrung zu stiften.” Die Entwicklung zahlreicher Narrative oder die Kombination von Informationen mit falschen Kontexten soll zur Desorientung der Empfänger führen. Offizielle Verlautbarungen, staatliche Medien, Internetportale ergänzen einander. “In den sozialen Medien sehen wir geradezu verdeckte Geheimdienstoperationen: mit falschen Identitäten, mit Verstärkungen oder mit Strategien, um die Inhalte stärker zu verbreiten zu verstärken.”

Russische Desinformation

Barnaby Skinner: Biowaffen, Hunger – mit diesen Themen wollen die Trollfabriken den Westen spalten. Eine NZZ-Analyse von Pro-Kreml-Desinformation auf Tausenden Online-Nachrichtenportalen zeigt, welche Narrative die Russen im Ukraine-Krieg pflegen – und in welchen Sprachen, Neue Zürcher 17.06.2022 (hinter der Bezahlschranke) analysiert die russischen Trollfabriken, die vor allem in russisch, arabisch, englisch, tschechisch, polnisch und deutsch Desinformation betreiben. Verwiesen wird dabei auf die Disinfo-Datenbank der Europäischen Union, die inzwischen seit 2015 ca. 14.000 Einträge aufweist. “Bei der Datenbank handelt es sich um den gegenwärtig umfassendsten Versuch, das Ausmass russischer Desinformation begreifbar zu machen und noch wichtiger, Falschmeldungen als solche zu entlarven.” Die Datenbank versteht sich als wichtige Referenz im Fact-Checking. “Was die Datenbank nicht leisten könne, sei ein allumfassendere Blick auf das Thema Desinformation. Es sei auch schlicht unmöglich, sämtliche russischen Fake-News in einer Datenbank zu sammeln. Tatsächlich gibt es davon schlicht und einfach zu viel.”

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