Corona: Physikalische oder soziologische Modelle

Veröffentlicht am

Sind die Modelle der Physik und Mathematik, die zur Zeit fast allein als wissenschaftliche Orientierung in der Corona-Pandemie dienen und scheinbar exakte Antworten liefern, zur Orientierung in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion geeignet oder müssen die Sozialwissenschaften ihre Erkenntnisse und Analysen einbringen? Diese Frage stellt – hinter der Bezahlschranke – Wolfgang Streek, Soziologe und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Wolfgang Streek: Welchen Wissenschaftlern folgen wir in der Pandemie? FAZ 11.01.20121

Der Soziologe Andreas Dieckmann: Gegen den Blindflug. Coronakrise. Um die Effekte der politischen Entscheidungen zu überprüfen, braucht es derzeit vor allem valide Daten. Liefern könnte diese die empirische Sozialwissenschaft, Der Freitag 30.03.2020 hat schon im März ein entsprechendes sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm entworfen.
Dieckmann verzichtet zwar schon im vorhinein auf Datamining. „Trotz Unmengen von Big Data wissen wir hingegen wenig über die Verbreitung des Virus.“ Der Verzicht auf diese wichtige Quelle zeigt, dass auch die Soziologie ein digitales Defizit hat. Immerhin bleiben die klassischen Instrumente der empirischen Sozialforschung: „Es gibt in der Statistik und Umfrageforschung aber ein probates Mittel, um solche Informationen zu gewinnen: Wenn Katastrophen passieren, politische Ereignisse eintreten oder Wahlen geplant sind, können Umfrageinstitute sehr schnell Meinungen, Reaktionen und Wahlabsichten anhand einer repräsentativen Stichprobe erheben. Diese Methoden der empirischen Sozialforschung sollte man jetzt einsetzen. Um wirklich verlässliche Daten zu gewinnen, wäre es sinnvoll, eine größere Zufallsstichprobe von Personen aus den Gemeinderegistern zu ziehen, diese auf das Virus testen und in einer kurzen telefonischen oder schriftlichen Befragung Angaben zu demografischen Merkmalen, Mobilität und sozialen Netzwerken einholen.“ Aber selbst von diesem vielsprechenden Konzept, das sich an die Gesundheitsstudie „Nationale Kohorte“ (NAKO) anlehnen sollte, ist weit und breit nichts zu sehen.
(Nachtrag: In der ZEIT vom 04.02.2021 Papierausgabe beschreibt Katharina Menne: Wo wir uns anstecken, weiß kein Mensch. Warum wissen wir auch ein Jahr nach der Pandemie immer noch so wenig über das Virus und seine Verbreitung, dass die vom RKI erhobenen Daten  meist unvollständig, nicht repräsentativ sind und nur eine Momentaufnahme zeigen. Nur eine langfristig angelegte Kohortenstudie mit großen und regelmäßigen Stichproben könnten die Zusammenhänge „zwischen Lebensumständen und Ansteckungsrisiko ableiten“ . 
„Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen, hat schon früh eine solche Studie gefordert. ‚Wir haben auf direkten und indirekten Wegen versucht, die Landesregierung NRW, das Bundesgesundheitsministerium und das RKI im März 2020 darauf aufmerksam zu machen, dass wir eine solche Studie brauchen‘, sagt er. ‚Aber wir haben bis heute keine Antwort erhalten, nicht mal eine Absage oder eine Begründung, warum es nicht von Interesse ist.‘ “ (siehe dazu auch: Rainer Schnell, Menno Smid, Horst Müller-Peters, Anke Müller-Peters: Stichproben für die COVID-19 Forschung, in: Marktforschung  27.05.2020)
Gibt es eine derartige Kohortenstudie oder ist sie geplant? Es gibt NICHTS.)

Udo Thiedeke: Der stille Frühling der Soziologie. Wie die Corona-Krise Gewissheiten der Soziologie herausfordert, in: Hypotheses 14.04.2020 beschreibt die Herausforderungen:
Und noch etwas drängt sich einer in die Mikroperspektiven weltkonstruierender Subjekte vertieften Soziologie ins Blickfeld. Mit einem Mal sind auch die vergessenen „soziale[n] Tatsachen“ (Durkheim 1976) wieder aktuell.
Die institutionellen Handlungs- und Verhaltensorientierungen stellen nicht nur „Narrative“ dar, die man in „Sprachspielen“ mittels „Diskurskritik“ einhegen kann. Sie offenbaren ihren Zwangscharakter konkret und kollektiv und werden in ihrer Macht wirksam, die subjektive Praktiken und Routinen übergreift.“
„Vielleicht sollte also auch die Soziologie die Krise in ihren Besonderheiten als Chance sehen, nicht nur die sozialen Veränderungen mit zu protokollieren, Daten zu „erheben“ und dann mit den allzu bewährten Ansätzen zu interpretieren. Es wäre an der Zeit neue, zumal theoretische, soziologische Konzepte zu entwickeln, die in der Lage sind, die Auswirkungen gesellschaftsübergreifender Entwicklungen als soziale Tatsachen auch für die Individuen mit ihren nur relativen Autonomiemöglichkeiten zu erfassen. Das aber müsste zweifellos in einer zeitgemäßen Form, nämlich kontingenzsensibel und komplexitätstauglich geschehen.“

Allerdings gibt es durchaus zahlreiche sozialwissenschaftliche Analysen zur Gesellschaft in Pandemie-Zeiten. Anbei einige Hinweise, weitere lassen sich in Google Scholar und verschiedenen Datenbanken und Suchmaschinen finden:
Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie: Corona-Krise
American Sociological Assocation: Sociologists and Sociology During COVID-19
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise
Soziopolis: Soziologisches zur Pandemie
– Die über 200 Open Source Dokumente des Social Science Open Access Repository  (SSOAR) (Suchbegriff Covid 19) 
– Das Buch Michael Volkmer / Karin Werner (Hg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft, Transcript Verlag 2020 
– Das Buch Fiorenza Gamba, Marco Nardone, Toni Ricciardi, Sandro Cattacin (Hrsg.): COVID-19. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive, Seismo 2020 

Natürlich setzen die Sozialwissenschaften selbst mathematische Modelle ein. Aber weder werden diese noch die Mittel der empirischen Sozialforschung genutzt, noch die mathematischen Modelle kritisch untersucht. 

Es verbleibt das Bild der Gesellschaft als einer Ansammlung von Individuen mit ihren verletzlichen Körpern. Das merkwürdige Zusammenfinden und Verhalten der Menschen wird nur mit Augen eines Virus gesehen. Die RNA des Coronavirus kann nur aus dem Reich der Untoten erwachen, wenn es auf eine lebendige Zelle trifft. Durch die Verhinderung, dass das Virus von einem Individuum zum nächsten springt, ergibt sich die Fokussierung auf das egalitäre und zu klassifizierende Individuum, auf das die physikalischen und mathematischen Modelle setzen.
„Das Standardmodell zur Beschreibung der Dynamik einer Epidemie ist das sogenannte SIRD-Modell. Es unterscheidet in einer statistischen Gesamtheit (z.B. die Einwohner Deutschlands) vier Gruppen von Personen: prinzipiell Empfängliche, die sich mit einer Krankheit anstecken können (S für engl. Susceptible), Kranke bzw. Infizierte (I für engl. Infected oder Ill), Genesene (R für engl. Recovered) und Verstorbene (D für engl. Deceased oder Died). Um nun die Dynamik einer Epidemie zu beschreiben, muss man die Veränderungen der Anzahlen dieser vier genannten Gruppen zunächst einmal verstehen, dann durch Gleichungen beschreiben und schließlich mit einem Modell der numerischen Mathematik lösen. „
Der Einsatz mathematischer Modelle in der Corona-Krise 
Daraus erwächst eine Korrelation zwischen dem klassifizierten Zustand der Individuen im Verhältnis zur Gesamtzahl.
In dieses Analyse- und Handlungsmodell passen die Alten- und Pflegeheime als Heterotopien (Foucault) nicht. Als weder öffentlicher noch privater Raum mit eigenen Zugangsritualen gilt hier nicht das Konzept autonomer verletzlicher Körper, die für ihre Infektion eigenverantwortlich einzustehen haben. Der unzureichende Schutz dieser Institutionen, denen man trotz hoher Sterbezahlen verspätet und nur auf Drängen einige Masken und Tests zuteilt, geht darauf zurück, dass sich anderenfalls die Frage stellt: Wenn man hier einen sozialen Raum mit seinen Gesetzmäßigkeiten und Verhaltensweisen kausal identifiziert und entsprechend schützt, warum macht man es nicht mit anderen sozialen Räumen und Prozessen der Gesellschaft? Die Aggressivität, die jedem entgegenschlägt, der fordert, Risikogruppen gesondert zu schützen, hängt auch damit zusammen, dass nicht nur das Konzept in Frage gestellt wird. Sondern man weiß auch nichts von den Strukturen und will auch nichts wissen.
Das Fatale ist nur, dass die wissenschaftlich-technische Ästhetik der Statistiken einerseits die Vision der Kontrolle, aber andererseits auch die Quelle von Skeptizismus, Verleugnung und Verschwörung enthält.
So entsteht aus der Phantasmagorie der Gesellschaft als Klumpenhaufen von Individuen, der Herrschaft der Korrelation, der Ästhetik der Statistiken, der Priorisierung des Datenschutzes, der Lobpreisung mathematischer Modelle, der dystopischen Darstellung der Pandemie – und der Leugnung, der Hingabe an Verschwörungsmythen andererseits, aus Glauben, Meinen und Wähnen ein „stahlhartes Gehäuse“ (Max Weber).
Es wird später sozialwissenschaftlich zu untersuchen sein, warum eine Gesellschaft lieber ihr Shutdown riskiert, statt alle Instrumente, alle Daten, alle digitalen Kontrollmöglichkeiten, alle Modelle aller Wissenschaften einzubeziehen, um aufgrund der Erkenntnis kausaler Strukturen in einer solchen gefährlichen Pandemie zu handeln.

Coronavirus: die Hölle der Normalverteilung
Informationen und Quellen zu COVID-19
Corona App: Scheitern und Schuld
CORD-19: The Covid-19 Open Research Database
Covid-19: KI produziert Datenmüll
Covid-19 Impfstoffe
Covid-19 Test

Darknet als unregulierter Markt

Veröffentlicht am

In einem Interview Christin Severin mit Florian Schütz: “Das Darknet funktioniert wie ein komplett unregulierter Markt“, in: Neue Zürcher Zeitung 27.01.2021 werden die wirtschaftlichen Mechanismen des Darknet beschrieben. Eigentlich funktionieren effizient funktionierende Märkte nur reguliert. Das Darknet hat im Gegensatz dazu Mechanismen sozial kontrollierter Unregulierung entwickelt.
„Spannend ist, dass das Darknet als komplett unregulierter Markt funktioniert. Die Kriminellen sind unter sich anonym. Sie haben aber Rufnamen, nach denen sie identifizierbar sind. Zudem gibt es Käuferbewertungen. Der Käufer weiss, wenn er etwas kauft und nichts bekommt, ist sein Geld trotzdem weg. Es gibt keine Instanz, wo er das Geld wiederbekommt. Deshalb ist die Reputation wichtig.“
Dabei gibt es neben der Reputation im wesentlichen zwei Elemente, die das Geschäftsmodell absichern:
„Escrow-Services, bei denen das Geld zunächst an eine als vertrauenswürdig erachtete dritte Partei gezahlt wird“
– Level-Systeme, bei denen ein neuer Käufer zunächst die weniger interessanten Angebote sieht, und sich erst durch zahlreiche Käufer auf ein Vertrauensniveau der wichtigen Angebote hochkaufen muss.
Diese Mechanismen greifen relativ gut bei Massenverkäufen wie Drogen, bei denen der zufriedene Käufer wiederkommen kann.
„Bei Waffen wird es schon schwieriger. Bei der wirklich groben Kriminalität wie Auftragsmorden geht häufig nichts. Da funktionieren die traditionellen kriminellen Methoden wahrscheinlich effizienter.“

Manipulation in sozialen Medien: die Stratcom/ NATO Untersuchungen

Veröffentlicht am

Das Strategic Communication Centre of Excellence (Stratcom) der NATO hat sich in zwei Studien mit der Manipulation in sozialen Medien beschäftigt:
2019: Falling Behind: How Social Media Companies are Failing to Combat Inauthentic Behaviour Online
2020: Social Media Manipulation Report 2020. How Social Media Companies are failing to combat inauthentic behaviour online
In beiden Experimenten wurden reale Social-Media-Konten dazu genommen, sie mit für Fake News und Kommentaren zu fluten.
„To test the ability of Social Media Companies to identify and remove manipulation, we bought engagement on 105 different posts on Facebook, Instagram, Twitter, and YouTube using 11 Russian and 5 European (1 Polish, 2 German, 1 French, 1 Italian) social media manipulation service providers.
At a cost of just 300 EUR, we bought 3 530 comments, 25 750 likes, 20 000 views, and 5 100 followers. By studying the accounts that delivered the purchased manipulation, we were able to dentify 18 739 accounts used to manipulate social media platforms.“
In einem zweiten Schritt wurden diese Fake-Meldungen an die Sozialen Medien gemeldet. Selbst nach mehreren Wochen waren die Einträge nicht entfernt. Während Twitter und Facebook noch reagiert haben, sind Youtube und besonders Tiktok völlig schutzlos. Die Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis: „Self-regulation is not working. The manipulation industry is growing year by year. We see no sign that it is becoming substantially more expensive or more difficult to conduct widespread social media manipulation.“
Stratcom empfiehlt daher, nicht nur die sozialen Medien zu regulieren, sondern insbesondere den Markt für die Medien-Manipulation:
„1. Setting new standards and requiring reporting based on more meaningful criteria
2. Establishing independent and well-resourced oversight of the social media platforms
3. Increasing the transparency of the social media platforms
4. Regulating the market for social media manipulation“

Das Dilemma der Algorithmen und Daten

Veröffentlicht am

Kai Burkhardt, Kamala Harris. Die Frau, die Google und Facebook zerschlagen kann – wenn sie will, Die Welt 14.12. (hinter der Bezahlschranke) beschreibt, dass Harris aufgrund ihrer Kenntnisse der Tech-Firmen in Kalifornien in der Lage sein könnte, die Internetkonzerne zu deregulieren.

Zunächst geht er davon aus, dass die gesellschaftlichen Schäden, die insbesondere Social Media durch die Methoden der Nutzerführung und Manipulation erzeugt haben, „nicht mehr ohne Weiteres zu reparieren“ sind. „Die politischen Identitäten, die sich in den Resonanzräumen der Internetkonzerne gebildet haben, werden auch nicht einfach in den politischen Mainstream zurückkehren.“
Wer aber könnte die technischen und finanziellen Mittel verfügen, um diesen Prozess zu korrigieren, wenn nicht die Verursacher, die Internetkonzerne selbst? Die verschiedenen Aspekte dieses Dilemmas werden analysiert.
Programmierer zeichnen sich aufgrund ihrer Biographie in der Regel nicht durch gesellschaftliche Empathie aus. Ihre Produkte, die „Algorithmen sind nichts anders als die Verallgemeinerung von Hypothesen und Vorurteilen in den Köpfen von Programmieren.“ Der Programmcode zeigt sich letztlich an den Ergebnissen, der Code selbst aber kann kaum ohne Hilfe künstlicher Intelligenz darauf geprüft werden, was er nicht oder zur Zeit nicht liefert und was er in anderen Konstellationen liefern könnte. „Künstliche Intelligenz kann aufgrund ihrer schieren Komplexität also wiederum nur von einer anderen Künstlichen Intelligenz untersucht werden und da beißt sich nun die Katze in den Schwanz, denn das Ergebnis einer Simulation kann nicht simuliert werden.“ Aber selbst wenn dies gelänge, wären Algorithmen ohne Daten wertlos. Jenseits der von den Internetfirmen selbst erhobenen Daten gerät der Umgang mit Daten durch die Datamining-Firmen, die jegliche Arten von Daten zu Profilen verknüpfen, in eine neue Dimension. Burkhardt sieht eine Chance in einem zentralen „Open-Source-Katasteramt“, „das Datensätze nicht nur verwaltet, sondern auch erforscht und beschreibt, bevor sie an Dritte weitergegeben werden.“ Es wäre möglich, dass sich die Internetkonzerne unter dem politischen Druck einer Zerschlagung ihrer Konzernstrukturen in die Richtung eines anderen Umgangs mit Daten bewegen.

Antinomien der Faktenchecks

Veröffentlicht am

Adrian Lobe, Auch Faktenprüfer machen Fehler. Social-Media-Plattformen unterziehen Beiträge einem Faktencheck. Doch wer kontrolliert die Prüfinstanz?, Neue Zürcher Zeitung 16.11.2010 Papierausgabe untersucht die Antinomien der Faktenprüfung. Nach der Darstellung von Beispielen der Faktenprüfung bei Facebook und Twitter stellt er fest, dass die Prüfprozesse nicht genügend transparent und nachvollziehbar, vor allem aber kaum korrigierbar sind, weil der als falsch markierte Eintrag im Newsfeed herabgesetzt und der Aufmerksamkeit entzogen wird. „Der apodiktische Hinweis ‚Falsche Informationen – geprüft von unabhängigen Faktencheckern suggeriert, dass der Prüfprozess abgeschlossen sei. Zwar kann man sich den Grund anzeigen lassen. Doch gibt es keine Möglichkeit, dieses Urteil anzufechten oder zu revidieren. Das Prüfsiegel kommt mit einem Absolutheitsanspruch daher, als würde Facebook letztinstanzlich über Fakten richten.“ Er zeigt Besonderheiten der Faktenprüfung auf: Satire als Falschnachricht, in der „das Wahre sich gewissermaßen im Unwahren, Übertriebenen ausdrückt“; der Unterschied der Wertung der Tatsachen eines Posts und den dort referierten Äusserungen Dritter; der Wertung eines wahren Berichts über die falschen Aussagen eines Politikers.

Er kommt zu dem Ergebnis: „Das Problem der Faktenchecks besteht darin, dass die Tatsachenprüfung häufig eine Meinungsäußerung darstellt, die im Gewand der Faktizität die Geltung einer ‚richtigen‘ Meinung beansprucht. So tragen die Faktenchecks am Ende selbst zu einer Politisierung von Fakten bei, die sie eigentlich vermeiden wollten.“

Seine Hoffnung auf eine „vernunftgeleitete Debatte“ enthält allerdings selbst eine Antinomie, denn die Faktenprüfung ist aus der Notwendigkeit entstanden, dass diese eben nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist, die Faktenprüfung aber wiederum diese nicht ersetzen kann.

Sind Soziale Medien ein Irrtum?

Veröffentlicht am

Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs und Mitautor des Buchs „Cyberwar: Die Gefahr aus dem Netz. Wer uns bedroht und wie wir uns wehren können“, hat am 12. November 2019 in der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt am Main einen Vortrag unter dem Titel „Desinformation und Krieg im digitalen Zeitalter“ gehalten. Er ist noch in der ARD-Audiothek abzurufen.

„Wir sind da in eine technologische Falle gelaufen, es geht nur noch darum, Emotionen zu wecken, zu halten und zwar möglichst gezielt.“ Rieger kommt zu dem Ergebnis, dass die Sozialen Medien ein Irrtum sind, und dass es gilt, sie zu zerschlagen.
Zunächst führt er den Zustand der sozialen Medien dogmengeschichtlich auf den Postmodernismus zurück, der alles in Frage stellt, alles in immer kleiner Schnipsel auflöst, bis nur noch „ideeller Sand“ übrig bleibt. Da nichts Neues eintritt, die Sachen, „die wichtig sind“ unterschlagen werden, ist der Diskurs-Raum zerrüttet. Die Algorithmen, die nach Werbegesichtspunkten nur am meisten gesuchte Inhalte in einer rasenden Geschwindigkeit verstärken. Damit wird die Lüge, die Diskreditierung von Einzelpersonen zum Normalfall.
Rieger ist exemplarisch für eine Position, die kritisch die Sozialen Medien zu hinterfragen versucht, aber in ahistorischer Hilflosigkeit verharrt. Zentral für seine Argumentation sind einmal die normativen Setzungen (Wichtige Sachen – Nebensächlichkeiten, die ablenken und zur Manipulation führen), die seltsam aus der Zeit gefallen scheinen. Zum anderen ist Kern seiner Argumentation der Status eines technologischen Mediums als „Irrtum“, wobei Wahrheit dann die Nichtexistenz oder Auflösung ist. Vielleicht ist aber die Furcht zu irren, schon der Irrtum selbst. Und der Wahrheit, sofern sie nicht ideologisch von einer religiösen oder weltlichen Kanzel verkündet wird, kann schließlich nur in einem iterativen Prozess angenähert werden.

Ahistorisch ist diese Position insofern, als alle Technologieschübe mit ideellen Verwerfungen einhergingen. Die Erfolgsgeschichte de Buchdrucks geht nicht allein auf den Druck der Bibel zurück, sondern auf Flugblätter und Flugschriften, die zwar auch über Naturereignisse, gesellschaftliche Vorkommnisse oder politische Geschehnisse informierten, aber auch eine grenzenlose politische Polemik transportierten, die der Desinformation unserer Zeit nichts nachsteht: Luther als siebenköpfiges Ungeheuer, der Papst als Esel und Antichrist.

Es fehlt das Subjekt: Jeder, der an Sozialen Medien teilnimmt, hat es in der Hand, in seinem Bereich diskursive Verhaltensformen einzufordern. Dass dies unabhängig der Medienform zur Zeit nicht geschieht, persönliche Angriffe, Diffamierungen und Ausgrenzungen an der Tagesordnung sind, und Mordgelüste als Satire verharmlost werden, hat nichts mit der Medienform zu tun.

Von den vielen sinnvollen Einsätzen Sozialer Medien ist jüngst Twitter als historisches Story-Tool zu erwähnen. Es macht  nicht nur eine  historische chronologische Abfolge zugänglich, sondern hebt auch eine Menge an Informationen und medialen Schätzen.
Der Krieg von 1870 „live“ auf Twitter
@1914tweets: Tweets aus dem Ersten Weltkrieg

Mit Wikipedia zur Religion der Mandarine

Veröffentlicht am

Hierzulande wagt man es noch nicht so offen auszusprechen, wie z.B. der amerikanische Politikwissenschaftler und Philosoph Jason Brennan (Buch: „Gegen Demokratie“) es tut, der für eine Epistokratie, eine sogenannte Philosophenherrschaft eintritt, in der nur noch gebildete, politisch informierte Bürger wählen dürfen: Die Leute sind einfach zu blöde für die Demokratie. Brennan muss allerdings offen lassen, wie die Epistokraten auserwählt werden sollen.
Thomas Grundmann: Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen. Wem glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste, in: FAZ 09.10.2020 versucht dies geschickter anzugehen, indem er die Grundlagen für eine neue Religion der Mandarine legt. Eine moderne, eine säkulare Religion, weil „geglaubt“ werden soll, die Frage ist nur, an wen?
Zunächst stellt er fest, dass der Coronavirus die Gesellschaft „massives Erkenntnisproblem“ stellt. Wir brauchen „eindeutige“ Stellungnahmen, bekommen aber unterschiedliche Einschätzungen von Experten. „Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?“ Ganz einfach: die „Laiin“ macht einen Schnellcheck bei Wikipedia, dem man „in der Regel trauen“ kann. Grundmann entwirft sein Idealbild eines idealen Experten, der einschlägig, spezialisiert, kompetent , nicht befangen, ohne handwerkliche Fehler ist, aktiv forscht und in anerkannten Fachzeitschriften regelmäßig veröffentlicht und – dies ist der wichtigste Punkt – dabei immer die Mehrheitsmeinung vertritt.
Zunächst ist festzuhalten:  Für die Recherche nach Informationen und ihre Evaluation sind Techniken und Strategien der Informationswiedergewinnung (Information Retrieval) entwickelt worden, die zu den Kulturtechniken des digitalen Zeitalters gehören. Sie auf die Abfrage von Wikipedia zu reduzieren, ist gefährlich und fahrlässig. So wertvoll im Alltag ein erster Blick auf Wikipedia ist, ist es als kollaboratives Werkzeug nicht nur vom Bearbeitungsprozess, sondern gerade bei kontroversen Themen von Problemen der internen Abstimmung und der Fähigkeit, Manipulationen abzuwehren, abhängig. Hinzu kommen interessengesteuerte externe Eingriffe in Wikipedia. Hier ist nicht der Platz, detailliert darauf einzugehen. Für die USA verweise ich auf die investigative Bloggerin Helen Buyniski, die derartige Fälle  dokumentiert hat und sich sogar 2018 zu einem emphatischen „J’accuse“ hinreißen ließ. Wikipedia Inhalte können heuristisch verarbeitet, müssen aber bei kontroversen Themen extern verifiziert werden.
Der Kern aber ist: mit dem Versuch, mediale Hegemonie durch Glauben an die  Experten der Mehrheitsmeinung zu sichern, ist die Religion der Mandarine entworfen.
Zur Erinnerung Immanuel Kant: Was ist Aufklärung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Faktenchecks im demokratischen Diskurs

Veröffentlicht am

Johannes Odendahl: Fakten gecheckt – Diskussion vertagt, in: NZZ 17.10.2010 weist darauf hin, dass „öffentlich vorgebrachte Aussagen durch gewissenhafte Recherchen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen“, eine wichtige „diskurshygienische Funktion“ haben kann. Das Format des Faktenchecks allerdings „bringt es mit sich, dass sie stets lauter Richtiges sagen und dennoch manchmal in der Summe falsch liegen.“
Es droht der Text und der Kontext der Aussagen verlorenzugehen. Textauslegung beruht auf dem Konzept der „hermeneutischen Billigkeit“ (charity principle), die zunächst die Intention des Autors akzeptiert und erst dort einzelne Äußerungen einordnet. Der hermeneutische Zirkel (Textinterpretation ausgehend vom vom Einzelnen und Besonderen hin zum Allgemeinen und Ganzen und von dort wieder zum Einzelnen hinab) widerspricht der normalen Vorgehensweise des Faktenchecks, die Einzelaussagen isoliert und nach einer Falsch-Richtig-Skalierung wertet, die selbst auf einem Gebiet wie der evidenzbasierten Medizin oft nicht so eindeutig ist, wie behauptet. Plädiert wird dafür, zwar Fakten nach Möglichkeit unter Einbeziehung ihres Kontextes abzuprüfen, auf dieser Basis aber den demokratischen Diskurs nicht zu schließen, sondern zu öffnen. „Faktenchecks dürfen nicht dazu missbraucht werden, unliebsame Gesprächspartner und Positionen zu diskreditieren.“

Covid-19 Test

Veröffentlicht am

Eine Übersicht über aktuelle Covid-19 Testverfahren gibt die Website FIND – Because diagnosis matters     https://www.finddx.org/.
Sie beschäftigt sich generell mit Testverfahren für verschiedene Krankheiten: „OUR VISION is a world where diagnosis guides the way to health for all people. OUR MISSION is turning complex diagnostic challenges into simple solutions to overcome diseases of poverty and transform lives.
Für Covid-19 ist eine spezielle Rubrik eingerichtet: COVID-19 DIAGNOSTICS & TESTING
„FIND and The Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria are co-conveners of the Access to COVID-19 Tools (ACT) Accelerator Diagnostics Pillar. The ACT-Accelerator is a ground-breaking global collaboration to accelerate the development, production, and equitable access to COVID-19 tests, treatments, and vaccines. It was set up in response to a call from G20 leaders in March and launched by the WHO, the European Commission, France and the Bill & Melinda Gates Foundation in April 2020.
This diagnostics resource centre provides information, updates and progress on tests and testing, in support of the agenda set out in the ACT-Accelerator Diagnostics Pillar investment case.“

Page 1 of 8
1 2 3 8