Ist das Internet eine Spiegelwelt?

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Christoph Meinel, Professor für Informatik in Potsdam, stellt in seinem Web-Tutorial „Willkommen im Netz der Netze“, in: Spektrum.de vom 19.02.2019  fest, „dass man vom Internet als einem neuen digitalen Raum spricht oder gar von der »neuen digitalen Welt«. Neben der gut bekannten physischen Welt mit ihren Gesetzen des Raums, der Zeit, der Gravitation und ihrer sozialen Ordnung hat die Entwicklung des Internets eine neue digitale Welt mit ganz eigenen, noch weitgehend unerforschten Gesetzen entstehen lassen. Eine Spiegelwelt, in der jedes Ding der physischen Welt eine als digitaler Zwilling bezeichnete Hülle bekommt, die das Ding in den digitalen Raum projiziert, ihm dort eine Repräsentanz gibt und es von dort aus auch in der physischen Welt manipulierbar macht. Wie genau diese Spiegelwelt mit der physischen Welt verwoben ist, muss noch geklärt werden.
In seiner Serie geht es zunächst um Internettechnologien, Kommunikationsprotokolle, Webinhalte und -Anwendungen.
Die Beschaffenheit des digitalen Raums, die Frage seiner Eigendynamik oder Spiegelbildlichkeit, seiner Repräsentanz, Projizierung oder verzerrten Darstellung der realen Dinge, seine Rückwirkung auf die realen Dinge sind darüber hinaus zentrale Fragen, die nicht zuletzt auch die Einordnung von Einzelfragen und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internet bestimmen.

Datenkolonialismus

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Ob Daten als „Rohstoff“, „Rohdaten“, „neues Öl“, „Grundwasser“ bezeichnet werden: In Wirklichkeit erfolgt erst durch die Umwandlung von Informationen des alltäglichen Lebens mittels „Datenbeziehungen“, in die wir durch Teilhabe an digitalen Diensten und Plattformen einwilligen, in einen Datenstrom, die Konstruktion und folgende kommerzielle und gewinnmaximierende Ausnutzung der Daten. Schon die Natur-Metaphorik ist Teil einer Verdeckung, einer Ideologisierung einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung, die als fortschrittliche Entwicklung legitimiert wird. Nick Couldry, Professor für Medien, Kommunikation und Sozialtheorie an der London School of Economics, nennt dies „Datenkolonialismus“.

Früher „legitimierten die Kolonisatoren die Ausbeutung ganzer Kontinente damit, dass dort vorkommende Rohstoffe zu ihrer freien Verfügung einfach so herumlägen. … Mit Daten verhält es sich heute ähnlich: Es wird suggeriert, dass die Daten über unser Leben einfach so da seien und von Konzernen verwendet werden müssen, um gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen. Das ist unserer Analyse nach der Beginn eines neuen Kolonialismus, bei dem unser gesamtes Leben in Daten umgewandelt wird und damit völlig neue Geschäftsfelder ermöglicht. Wir nennen das Datenkolonialismus, weil es das einzige Wort ist, das erfassen kann, wie groß diese Veränderung ist.“

Dadurch ändert sich auch die Struktur von Wissen. Spätestens im 19. Jahrhundert war Wissen öffentliches Gut, als Statistiken öffentlich erhoben und Gegenstand öffentlicher Diskurse. Jetzt geht Wissen in Form der erhobenen Daten in privates Eigentum einiger großer Konzerne über und entzieht sich dem öffentlichen Diskurs.

Der Datenkolonialismus – so Couldry – führt zu einer neuen Phase des Kapitalismus, einer schrankenlosen Kapitalisierung des Lebens, die auf Ausbeutung und Manipulation beruht.  Es gilt, die Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit dieses Prozesses in Frage zu stellen und eine alternative Zukunft für die digitale Gesellschaft zu entwickeln.

Hanne Bohmhammel und Hanna Israel: Interview mit Nick Couldry. „Vielleicht wird in Zukunft auch mit Gewalt um Daten gekämpft“, in: Zeit Online 02.02.2019

Marc Pirogan: Kolonisiert durch Daten: Die Aushöhlung der digitalen Gesellschaft. Blog Alexander von Humboldt. Institut für Internet und Gesellschaft 15.01.2019

Nick Couldry: Datenkolonialismus – die Aushöhlung der digitalen Gesellschaft Vortrag

Das Web: Saugt es uns aus – oder saugt es uns auf?

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Maurizio Ferraris Professor für theoretische Philosophie an der Universität Turin nähert sich den Fragen „Was ist das Web?“ und „Worin besteht unsere Aufgabe im Netz?“, mit einem Aufsatz „Das Web: Saugt es uns aus – oder saugt es uns auf?“ Neue Zürcher Zeitung vom 1.7.2018, indem er sechs Dilemmata skizziert. Dilemma „bezeichnet eine Situation, die zwei Möglichkeiten der Entscheidung bietet, die beide zu einem unerwünschten Resultat führen“

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Phänomenologie des digitalen Geistes

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„Denn bis jetzt bleiben die Deuter des Netzes sehr nahe an ihren Untersuchungsobjekten und deren gegenwärtiger Verfassung, wählen kompakte soziologische oder feuilletonistische Zugänge, entscheiden sich für diesen oder jenen Aspekt. Was fehlt, sind die ausgreifenden, umfassenden, mutigen, grundsätzlichen, generalisierenden, auch überambitionierten und verstiegenen Theorien – kurz: Die Phänomenologie des digitalen Geistes muss noch geschrieben werden. “

Linus Schöpfer: Wie Shitstorms entstehen. Bernhard Pörksen erklärt eine grausame Web-Dynamik. Tagesanzeiger 16.02.2018 https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/bei-knopfdruck-shitstorm/story/10196371 

Kant und das Internet

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Fragen wir doch einen „Experten“. Was würde Immanuel Kant zum Internet sagen?
Markus Gabriel Interview: Kant und das Internet : Aufklärung braucht Zeit – und die fehlt im Netz
Florian Felix Weyh: DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt (mehr …)