Daten als Menetekel 7: Mehr als ein Viertel der Tweets zum Migrationspakt Social Bots?

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Am 10.12.2018 ist der WELT ein Artikel von Jan Lindenau: Roboter mobilisieren gegen Migrationspakt (hinter der Bezahlschranke) erschienen. Danach hat die Firma Botswatch eine Analyse von 800.000 Tweets zwischen dem 24. November und dem 2. Dezember ausgewertet. Als Ergebnis gibt sie bekannt, dass über ein Viertel dieser Tweets Social Bots gewesen seien, die inhaltlich Stimmung gegen den Migrationspakt gemacht hätten. Diese Meldung wurde in der gesamten deutschen Presse verbreitet.

Allerdings wurde die Analyse selbst und die Methodik, die als Geschäftsgeheimnis proklamiert wird, nicht offengelegt. Dies und die nicht nachvollziehbaren Ergebnisse stießen auf erhebliche Kritik von Experten. Der Social-Media Analyst Luca Hammer hat auf Twitter die Aussagen einer Kritik unterzogen. Er stellt bei einer Stichprobe fest, dass der Anteil der Bots – darunter allerdings auch automatisierte Informationsbots der Presse  – bei etwa 6 Prozent liegt. Der Datenjournalist Michael Kreil hat einen offenen Brief an Botswatch geschrieben:

„Wir brauchen dringend wissenschaftliche basierte, methodisch korrekte Analysen dieser Vorgänge! Was wir nicht brauchen, sind Akteur_innen, die mit unbewiesenen Behauptungen den Diskurs entführen, Panik und Verunsicherung verbreiten, und die Bundesregierung unzureichend beraten. Für mich ist es momentan nicht unterscheidbar, welche Position Sie mit botswatch einnehmen möchten. Daher bitte ich Sie, Frau Wilke, geben Sie die Methoden und Daten Ihrer Untersuchung „Social Bots und Migrationspakt“ für eine unabhängige, wissenschaftliche Überprüfung frei.“

Der Verlauf der Diskussion wird in den Artikeln von Robert Tusch: Kritik an Botswatch: Warum die Debatte um die Social Bot-Studie zum Migrationspakt für Medien wichtig ist, in: Meedia vom 12.12.2018 sowie von Markus Reuter: Ein Bot allein macht keine Revolte. Und auch keine Migrationsdebatte, in: netzpolitik.org vom 10.12.2018 wiedergegeben. Dort wird auch auf die methodischen Probleme bei der Erkennung von Bots und andere Formen von Accounts eingegangen, die für die politische Einflussnahme im Netz wichtiger sind. „Alleine angesichts der Einflussmöglichkeiten menschlich betriebener Accounts, ist es schlichtweg unseriös und unterkomplex soziale Bewegungen oder hart umkämpfte gesellschaftliche Diskurse mit Bots erklären zu wollen.“

Jonas Hermann: Haben Bots die Debatte um den Migrationspakt einseitig beeinflusst?, Neue Zürcher Zeitung vom 13.12.2018    fasst noch einmal die Kritik und die Diskussion zusammen. Er weist auf die engen personellen Verbindungen von Botswatch zur CDU hin.

„Die Bot-Analyse wurde am Tag der Verabschiedung des Migrationspakts publik. Das mag Zufall sein oder auch nicht. Sicher ist jedenfalls, dass sie herangezogen werden kann, um Kritiker des Paktes zu diskreditieren und die Debatte darüber als aufgeblasen und fremdgesteuert darzustellen.“

Somit kann es sein, dass nicht Social Bots, sondern frei erfundene Daten über Social Bots den politischen Diskurs beeinflussen sollten.