Image und Selbstbild im Datenstrom. Straflust und Strafangst im digitalen Gefängnis

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„Wenn jemand bei Facebook „postet“, dann löst er etwas von sich ab, und unterstellt es der Begutachtung und Bewertung all jener, denen der Einblick gewährt ist.“ Manuel Güntert: Unser digitales Image, in: Hohe Luft 08.01.2020 analysiert die Dichotomie zwischen dem öffentlichen Teil der Selbstdarstellung im Datenstrom, dem digitalen Image, und dem verbliebenen Rest, von deren Teilhabe die digitale Welt ausgeschlossen ist. Selbst dieser Rest ist aber schon durch diese Unterscheidung bestimmt, deren Regeln der Datenfluss setzt und die als digitales Image verinnerlicht werden und zur Selbstkontrolle zum Einsatz kommen.
„So machen anerkannte Eigenschaften und ihre Beziehung zum Image aus jedem Menschen seinen eigenen Gefängniswärter; es ist dies ist ein fundamentaler sozialer Zwang, auch dann, wenn ein Mensch seine Zelle gerne mag. Der digitale Fluss steht so für die unumgängliche körperlose Verkörperung der je eigenen Unterwerfung unter die je Anderen. Dabei ist jeder Einzelne immer sowohl Beobachter wie auch Beobachteter und dadurch immer sowohl Unterwerfer wie auch Unterworfener.“
Dieses digitale Gefängnis übt den Häftling in ein „Modell des Gehorsams“ ein, wenngleich die freie Ausgestaltung der Zelle die Fiktion von Individualität enthält. Der Datenfluss, dem „verinnerlichte Beobachtung zwingend vorgängig ist“, wirkt so massiv auf den Einzelnen ein, prägt den „digitalisierten Beobachter in ihm“
„Insofern die innere Beobachtung einem den Raum zwar zu Teilen gibt, ihn insgesamt aber eher nimmt, wird über das so generierte digitale Image Transparenz hergestellt: Indem es unser Inneres ausleuchtet, gleicht unser je „individuelles“ digitales Image uns Menschen einander an.“
Die vollständige Herstellung der Homogenität, die Individualität aufgesogen hat, im Datenstrom wird nur dadurch verhindert, dass der Datenstrom seine Fließrichtung ändern kann. „Wiewohl er eine Marginalie ist, kann jeder einzelne Teilhaber diese potentiell umlenken, und sei es nur durch ein einzelnes, immenses Aufsehen erregendes Posting. So beinhaltet der Kampf um Aufmerksamkeit, der dem Posten notwendig innewohnt, immer auch ein Tauziehen, in welche Richtung der Fluss zu fließen hat. Wer sich imstande zeigt, dessen Fließrichtung zu bestimmen, der wirkt auf etwas ein, an dem die je Einzelnen schlechterdings nicht vorbeikommen, wenn sie ihr eigenes digitales Image ausgestalten.“
Allerdings beinhaltet die Abweichung immer das Risiko und die verinnerlichte Angst, Imageeinbußen durch ein Shitstorm zu erleiden. Der digitale Fluss, der „von Straflust und Strafangst durchströmt ist“ wird so im wesentlichen in seiner Fließrichtung gehalten.

Die Religion der Herde: Facebook

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Eduard Kaeser: Die Religion der Herde – Facebook, mit Nietzsche betrachtet, in: Neue Zürcher Zeitung 06.11.2018 analysiert Facebook mit Nietzsches Begrifflichkeit als „eine Religion im alten Sinne des Wortes «religio», des Zusammenkommens durch Rückbindung an Gott. Nur kennt Facebook keinen Gott. Oder vielmehr: Der Gott ist die Technologie, und die Religion bedeutet jetzt Vernetzen durch technische Mittel.“
Der phraseologische Überbau von Facebook spricht den „Herdeninstinkt in uns“, den Nietzsche am Christentum schon analysiert hat, an und beutet ihn aus. „Er sah in dieser Herdenbildung die Abwehr einer nihilistischen Heimsuchung – des deprimierenden Gefühls, niemand, nichts zu sein.“
Der Schwächeinstinkt als Gefühl des Ausgeliefertseins des isolierten Individuums gegenüber Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ist einerseits Flucht, andererseits Erhöhung: kollektive Erhöhung „um den Preis des Selbstverlustes„. Darüber hinaus machen sich weitere Ambivalenzen geltend: „In der Herde wird es zunehmend schwieriger, zwischen den Motiven des Individuums und den «Motiven» des Kollektivs zu unterscheiden. Ich-Identität und Kollektiv-Identität verwickeln sich unentwirrbar. Nietzsche war sich dieser Ambivalenz bewusst: «Mit der Moral wird der Einzelne angeleitet, Funktion der Herde zu sein und nur als Funktion sich Wert zuzuschreiben (. . .) Moralität ist Herdeninstinkt im Einzelnen.»“
Moralität, gelenkt und gebändigt durch Facebook-Priester, deren philantrophischer Gestus der Gemeinschaft den Datenhunger verdeckt, der die Daten der Nutzer zu ihrer Lenkung benutzt, dient unmittelbar der Herrschaft.
„Durch die Vernetzung wird der Gott der Technologie omnipräsent, omnipotent. Ein Leben ohne ihn erscheint immer undenkbarer.“ Die einzige Möglichkeit: das Undenkbare denkbar zu machen, die Herrschaftsfunktion dieser Technologie zu reflektieren.

Facebook: die böse Welt der korrelierenden Daten

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Ist Facebook schuld an den Übergriffen auf Flüchtlinge in Deutschland?

Die Studie von Karsten Müller and Carlo Schwarz: Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime, Working Paper Series, University of Warwick No. 373 May 21, 2018 kommt zu dem Schluss: „ Our results suggest that social media can act as a propagation mechanism between online hate speech and real-life violent crime.“

Zunächst setzen die Autoren die Autoren die Nutzung der AFD-Facebook-Seite mit der Nutzung aller rechtsgerichteten Social-Media Seiten gleich. „In our setting, the share of a municipality’s population that use the AfD Facebook page is an intuitive proxy for right-wing social media use.“ Die allgemeine lokale Nutzung lokaler Medien wird mit der Nutzung der „Nutella“-Seite identifiziert: „We thus attempt to isolate the local component of social media usage that is uncorrelated with right-wing ideology by drawing on the number of users on the “Nutella Germany” page“.

Jonny Häusler fasst das Ergebnis auf WIRED zusammen: „Die Studie kommt dabei zu der Erkenntnis, dass es in kleinen wie großen, liberal wie konservativ geprägten, ärmeren und reicheren Gemeinden einen signifikanten Zuwachs an Gewalt gegen Geflüchtete gab, wenn die durchschnittliche Facebook-Nutzung in diesen Gemeinden über dem Bundesdurchschnitt lag. Kurz: Wer zu viel auf Facebook ist, wird gewalttätig gegen Geflüchtete.“

Wird man also durch die Nutzung der „Nutella“-Facebook-Seite zur Bestie? Äußerst unwahrscheinlich, aber wir wollen die Bemühungen nicht ironisieren. Es ist schwierig genug, die Auswirkungen von Internet und sozialen Medien zu untersuchen. Aber es ist und bleibt so: Korrelationen beweisen keine Kausalität. So zieht denn auch der Ökonomie-Professor Tyler Cowen auf MARGINAL REVOLUTION die nüchterne Bilanz: „As it stands right now, you shouldn’t be latching on to the reported results from this paper.“

Analyse der politischen Facebook-Diskussion in Österreich

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„Der Digitalreport ist ein Projekt, das das Wissen über digitale Themen fördern soll. Gestartet hat es Ingrid Brodnig als Digital Champion Österreichs, eine unabhängige Funktion zur Förderung des Bewusstseins über die Digitalisierung. Der Digitalreport liefert eine Datenanalyse, Fachbeiträge und Unterrichtsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer.“ https://www.digitalreport.at/

Dieses österreichische Projekt hat mittels der Programmierschnitstelle (API) von Facebook und einem selbst entwickelten Python-Skript, das als Open Source bei Github zur Verfügung gestellt wird github.com/Digitalreport die Struktur der politischen Diskussion in Österreich auf Facebook analysiert. Siehe dazu auch die die interessanten Methodik-Ansätze „Luca Hammer: Datenanalyse im Zeitalter sozialer Netzwerke. Wie einfach und doch schwierig das Erstellen von Datenanalysen ist“ https://www.digitalreport.at/datenanalyse-im-zeitalter-sozialer-netzwerke/
Abgesehen von den österreichischen Besonderheiten ist festzuhalten:
„Auf den politischen Facebook-Seiten dominiert eine Minderheit den Diskurs. Ein Fünftel der User verfasst knapp drei Viertel aller Postings (konkret 73 Prozent)“
In einem gesonderten Beitrag werden noch einmal die Postings während des Nationalratswahlkampfs 2017 analysiert. Gefunden wird eine Minderzahl von äußerst aktiven Usern sowie auch automatisierte Einträge. „Unsere Recherchen zeigen, dass es noch weitere simple Möglichkeiten gibt, den politischen Diskurs zu manipulieren. Zahlreiche Webseiten verkaufen täuschend echte Fake-Fans mit Namen und Foto. In Foren bieten Menschen ihre echten Accounts an. Gegen Geld liken oder kommentieren sie die gewünschte Seite.“

Eine exemplarische Analyse, die verständlich dargestellt und grafisch gut aufbereitet ist.