Mit Wikipedia zur Religion der Mandarine

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Hierzulande wagt man es noch nicht so offen auszusprechen, wie z.B. der amerikanische Politikwissenschaftler und Philosoph Jason Brennan (Buch: „Gegen Demokratie“) es tut, der für eine Epistokratie, eine sogenannte Philosophenherrschaft eintritt, in der nur noch gebildete, politisch informierte Bürger wählen dürfen: Die Leute sind einfach zu blöde für die Demokratie. Brennan muss allerdings offen lassen, wie die Epistokraten auserwählt werden sollen.
Thomas Grundmann: Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen. Wem glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste, in: FAZ 09.10.2020 versucht dies geschickter anzugehen, indem er die Grundlagen für eine neue Religion der Mandarine legt. Eine moderne, eine säkulare Religion, weil „geglaubt“ werden soll, die Frage ist nur, an wen?
Zunächst stellt er fest, dass der Coronavirus die Gesellschaft „massives Erkenntnisproblem“ stellt. Wir brauchen „eindeutige“ Stellungnahmen, bekommen aber unterschiedliche Einschätzungen von Experten. „Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?“ Ganz einfach: die „Laiin“ macht einen Schnellcheck bei Wikipedia, dem man „in der Regel trauen“ kann. Grundmann entwirft sein Idealbild eines idealen Experten, der einschlägig, spezialisiert, kompetent , nicht befangen, ohne handwerkliche Fehler ist, aktiv forscht und in anerkannten Fachzeitschriften regelmäßig veröffentlicht und – dies ist der wichtigste Punkt – dabei immer die Mehrheitsmeinung vertritt.
Zunächst ist festzuhalten:  Für die Recherche nach Informationen und ihre Evaluation sind Techniken und Strategien der Informationswiedergewinnung (Information Retrieval) entwickelt worden, die zu den Kulturtechniken des digitalen Zeitalters gehören. Sie auf die Abfrage von Wikipedia zu reduzieren, ist gefährlich und fahrlässig. So wertvoll im Alltag ein erster Blick auf Wikipedia ist, ist es als kollaboratives Werkzeug nicht nur vom Bearbeitungsprozess, sondern gerade bei kontroversen Themen von Problemen der internen Abstimmung und der Fähigkeit, Manipulationen abzuwehren, abhängig. Hinzu kommen interessengesteuerte externe Eingriffe in Wikipedia. Hier ist nicht der Platz, detailliert darauf einzugehen. Für die USA verweise ich auf die investigative Bloggerin Helen Buyniski, die derartige Fälle  dokumentiert hat und sich sogar 2018 zu einem emphatischen „J’accuse“ hinreißen ließ. Wikipedia Inhalte können heuristisch verarbeitet, müssen aber bei kontroversen Themen extern verifiziert werden.
Der Kern aber ist: mit dem Versuch, mediale Hegemonie durch Glauben an die  Experten der Mehrheitsmeinung zu sichern, ist die Religion der Mandarine entworfen.
Zur Erinnerung Immanuel Kant: Was ist Aufklärung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Faktenchecks im demokratischen Diskurs

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Johannes Odendahl: Fakten gecheckt – Diskussion vertagt, in: NZZ 17.10.2010 weist darauf hin, dass „öffentlich vorgebrachte Aussagen durch gewissenhafte Recherchen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen“, eine wichtige „diskurshygienische Funktion“ haben kann. Das Format des Faktenchecks allerdings „bringt es mit sich, dass sie stets lauter Richtiges sagen und dennoch manchmal in der Summe falsch liegen.“
Es droht der Text und der Kontext der Aussagen verlorenzugehen. Textauslegung beruht auf dem Konzept der „hermeneutischen Billigkeit“ (charity principle), die zunächst die Intention des Autors akzeptiert und erst dort einzelne Äußerungen einordnet. Der hermeneutische Zirkel (Textinterpretation ausgehend vom vom Einzelnen und Besonderen hin zum Allgemeinen und Ganzen und von dort wieder zum Einzelnen hinab) widerspricht der normalen Vorgehensweise des Faktenchecks, die Einzelaussagen isoliert und nach einer Falsch-Richtig-Skalierung wertet, die selbst auf einem Gebiet wie der evidenzbasierten Medizin oft nicht so eindeutig ist, wie behauptet. Plädiert wird dafür, zwar Fakten nach Möglichkeit unter Einbeziehung ihres Kontextes abzuprüfen, auf dieser Basis aber den demokratischen Diskurs nicht zu schließen, sondern zu öffnen. „Faktenchecks dürfen nicht dazu missbraucht werden, unliebsame Gesprächspartner und Positionen zu diskreditieren.“