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Faktenchecks im demokratischen Diskurs

Johannes Odendahl: Fakten gecheckt – Diskussion vertagt, in: NZZ 17.10.2010 weist darauf hin, dass „öffentlich vorgebrachte Aussagen durch gewissenhafte Recherchen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen“, eine wichtige „diskurshygienische Funktion“ haben kann. Das Format des Faktenchecks allerdings „bringt es mit sich, dass sie stets lauter Richtiges sagen und dennoch manchmal in der Summe falsch liegen.“
Es droht der Text und der Kontext der Aussagen verlorenzugehen. Textauslegung beruht auf dem Konzept der „hermeneutischen Billigkeit“ (charity principle), die zunächst die Intention des Autors akzeptiert und erst dort einzelne Äußerungen einordnet. Der hermeneutische Zirkel (Textinterpretation ausgehend vom vom Einzelnen und Besonderen hin zum Allgemeinen und Ganzen und von dort wieder zum Einzelnen hinab) widerspricht der normalen Vorgehensweise des Faktenchecks, die Einzelaussagen isoliert und nach einer Falsch-Richtig-Skalierung wertet, die selbst auf einem Gebiet wie der evidenzbasierten Medizin oft nicht so eindeutig ist, wie behauptet. Plädiert wird dafür, zwar Fakten nach Möglichkeit unter Einbeziehung ihres Kontextes abzuprüfen, auf dieser Basis aber den demokratischen Diskurs nicht zu schließen, sondern zu öffnen. „Faktenchecks dürfen nicht dazu missbraucht werden, unliebsame Gesprächspartner und Positionen zu diskreditieren.“