Urbane Digitalisierung. Die Stadt, das Internet und die Plattformökonomie

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 Digitalisierung als euphorieerzeugende Weltformel

Während die Augen von Politik und Verwaltung noch auf schöne, blühende Landschaften hoffen, hat der Umbau der Städte durch die Digitalisierung längst begonnen. Merle Hilbk: Silicon Cities – der Umbau der Städte durch die Digitalindustrie. Doku, Kulturfeature WDR 3, 21.12.2019 (abrufbar in der ARD Audiothek), schildert dies anhand der Entwicklungen in Berlin und Lissabon. Junge hippe Leute werden einmal durch eine Startup Industrie angezogen und nach einer Weile durch andere ausgetauscht. Noch wichtiger aber ist die Medialisierung. Neben dem realen Berlin gibt es nun das virtuelle Instagram Berlin. Eine Verdoppelung der Welt, bevor in die reale Welt eingetauscht wird. Was jemandem gefallen könnte, zeigen die Algorithmen. In der realen Stadt werden die Bilder der virtuellen gesucht: sie wird zur Instagram Location, zum Themenpark. Diese Medialisierung, in der fotografiert und gepostet wird, verändert durch die „blinde Schwarmlogik“ die Stadt: Fonds aus Steueroasen steigen in den Immobilienmarkt ein und verändern das soziale Gefüge, Airbnb verdrängt den normalen Wohnraum, Google Maps lenkt Verkehrsströme um. Ist als Ergebnis das Leben nicht mehr authentisch und preiswert, ist der Immobilienmarkt ausgelutscht, zieht man weiter zu nächsten Stadt, in diesem Fall Lissabon. Die Autorin stellt die Frage, ob Digitalisierung nicht eine „euphorieerzeugende Weltformel“ ist, eine Formel aus der alten Welt, aus der Machtstrategie des Kapitals.

Internet als materielle Realität im urbanen Raum

Andreas Beckmann: Die Digitalisierung verändert die Stadt, Deutschlandfunk 09.06.2019 analysiert die Folgen der Digitalisierung im urbanen Raum für  individuelles Verhalten, demokratische Kultur, soziales Gefüge und Verkehr.
„Internet als materielle Realität im Raum“ prägt durch Vorinformation, die Lenkung durch Google Maps und Bewertungen die Sichtweise auf und den Umgang mit der Stadt. Auf- und Abwertung von Orten, Verödung oder Belebung von Geschäften und Wohngebieten verändern nicht nur die städtische Struktur, ohne dass eine demokratische Legitimation für diesen Eingriff vorliegt. Auch das Verhalten der Menschen selbst, die mit ihren Handy und Tablets beschäftigt sind und sich von der Umwelt abschirmen, führt dazu, dass die Funktion der Stadt, die Kommunikation im öffentlichen Raum, schwindet. Digitalisierung wird noch als Wirtschaftsförderung und Verbesserung der Verwaltung gesehen. Die Plattformökonomien greifen jedoch ganz anders in die Stadt ein. „Dann bietet Google Maps weltweit die Darstellung des Stadtplans an, Airbnb vermakelt Ferienwohnungen oder der Chauffeurdienst Uber Fahrdienstleistungen und Lieferando bringt die Pizza. Die Anbieter behaupten, diese jeweiligen Märkte damit effizienter zu gestalten. Doch gleichzeitig untergraben sie bestehende Gesetze wie „Zweckentfremdungsverordnungen“ oder „Personenbeförderungsrichtlinien“ und fördern prekäre Arbeitsverhältnisse. Sie stellen lokal etablierte Arrangements in Frage und wirbeln damit das soziale Gefüge einer Stadt durcheinander.“
Die Lenkung der Touristenströme durch die Plattformen verändert Wohnverhältnisse, Gewerbestruktur und Orientierung der Massen. Schließlich ersetzen oft Carsharing-Modelle oft nicht den Autoverkehr, sondern die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. 
„Offenbar können die Plattform-Betreiber ihr grundlegendes Versprechen häufig nicht halten, mit ihren technischen Lösungen städtische Prozesse zu optimieren. Das könnte vielleicht gelingen, wenn die Angebote an lokale Gegebenheiten angepasst oder in politische Regulierungen eingebettet wären. Aber wie sollen Städte das bewerkstelligen, wenn sie gar nicht wissen, welche Algorithmen wie die Plattformen steuern und Betreiber Informationen so weit wie möglich zurückhalten? Ähnlich wie einzelne Bürger brauchen auch Städte nach Meinung von Mark Graham ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung.“

Protest als urbane Politikfolklore

Malene Gürgen: Urbane Kämpfe und Digitalisierung. Der Turmbau zu Berlin, in: taz 14.01.2020 schildert die Proteste, die als „urbane Kämpfe“ deklariert werden, gegen ein im Bau befindliches Hochhaus in Berlin, in das Amazon einziehen soll. Die Folgen von Amazons Dominanz im Online Handel und die Verdrängungsprozesse an Wohnbereich werden geschildert. 
Aber nach dieser Schilderung stellt sich die Frage, ob nicht der Protest selbst von der Digitalisierung transformiert worden ist. Die Empörungsökonomie im Netz ist ritualisiert und digital eingebettet, sodass sie längst durch Algorithmen und Bots viel effektiver als durch individuelles Posten bewirtschaftet werden kann. Und die abstrakten Prozesse der Digitalisierung bleiben vom Protest unangetastet. Protestieren, marschieren, besetzen gegen etwas, was wahrnehmbar, also schon vorhanden ist und dann erst „betroffen“ macht. Die „Kämpfe“ werden zur politischen Folklore,  die urbane Digitalisierung begleitet.  

Zombie-Ökonomie

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Adrian Lobe: „Willkommen im Überwachungskapitalismus. Die Wirtschaft will immer mehr Kundendaten. Doch auf der Suche nach Sicherheit mischt nun auch der Staat mit.“ Tagesanzeiger 07.02.2019 stellt die Frage, wie der immer weiter zunehmende Einsatz von Überwachungstechnologien in der Konsumwelt einzuordnen sei: Ist der Überwachungskapitalismus – wie die Ökonomin Shoshana Zuboff meint, eine Mutation des modernen Kapitalismus? Oder ist die Überwachung selbst – in Anlehnung an den Medientheoretiker Michael Betancourt – ihr eigenes Endprodukt? „Die unintelligente Zeichenproduktion durch Maschinen mache mehr Überwachung notwendig, welche wiederum so viele Daten produziere, dass ihre Interpretation unsicher werde. Der Datenkapitalismus muss also, um zu überleben, immer neue Daten produzieren und Unsicherheiten schaffen. Eine Art Zombie-Ökonomie. Die immanente Expansionslogik des Datenkapitalismus ist die Systemvoraussetzung dafür, dass aus der Raffinierung von Informationen überhaupt ein Mehrwert erzielt werden kann. Ohne die immer grösser werdenden Archive könne die semiotische Produktion nicht voranschreiten.“
Durch diese Dynamik entsteht ein Produkt, in dem Kontrollwahn und Profitgier verschmelzen, sich steigern, aber in der Steigerung mehr und mehr dysfunktional werden.
„Der entscheidende Punkt ist nun, dass die «semiotische Auflösung der Realität» einen Markt schaffe, wo mangels Realitätscheck gar keine rationalen Entscheidungen mehr getroffen werden können und ein diffuses Unsicherheitsgefühl die Nachfrage nach Überwachung immer grösser werden lässt. Die Überwachungsmärkte erweisen sich als hochdysfunktional, weil sie die eigentlichen Präferenzen und Informationen nicht abzubilden vermögen.“

„Daten erzeugen eine metastabile Ordnung, die immer mehr Daten benötigt, um sich zu stabilisieren – bis das System irgendwann abstürzt.“

Naturmetaphern verstellen die Sicht auf die Digitalisierung

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Das Zeitalter der Digitalisierung zu verstehen, zwischen investigativem Journalismus und Fake News, erfundenen, gefälschten oder gelegentlich validen Daten, Story Telling und Lobby-PR, genialen Ideen und automatisierten Bots fällt schwer.
Adrian Lobe: In Twitter-Gewittern und Datenstürmen , in: Süddeutsche Zeitung 24.01.2019 schildert unter Rückgriff auf das Buch von Sue Thomas: Technobiophilia: Nature and Cyberspace, dass uns noch etwas ganz anderes in die Irre führt: „Naturmetaphern prägen die Art, wie in den Medien über Digitalisierung gesprochen wird. Das suggeriert, Daten wären eine unbeherrschbare Naturgewalt.“

Diese Naturmetaphern und Begrifflichkeiten aus der Biosphäre, „“Bug“ (Insekt), (Daten-)Wolken, (Computer-)Maus, Ströme, Schwärme, Viren, Würmer“ usw. interpretieren Erfahrungen und Entwicklungen im virtuellen Raum als aus der Natur abgeleitet, verfehlen somit dessen originären Eigenschaften und Eigengesetzlichkeiten. „Die nebulösen Rhetoriken von „Datenwolken“ und „Datenbergen“ suggerieren, es handele sich bei dem Phänomen Big Data um eine natürliche Topografie, eine urwüchsige Kraft, die in Gestalt einer gottgegebenen Ordnung daherkommt. Die Allmacht von Big Data wird mystifiziert, der Glaube an Zahlen, mit denen sich das irdische Dasein im Voraus berechnen lässt, trägt quasireligiöse Züge. Dabei ist es ja, um mit Ludwig Feuerbach zu sprechen, der Mensch und kein Automatismus, der diese Datenlandschaften als eine Art Imaginär erschafft.“
Als erstes müsste man also die Sprache reflektieren und, da Verständnis komplexer Phänomen nicht ohne Visualisierung erfolgen kann, eine adäquate Metaphorik erarbeiten.

Bundesgesetzblatt als Open Source

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https://offenegesetze.de

Christian Endt: Aktivisten stellen alle Bundesgesetzblätter ins Netz, Süddeutsche Zeitung 10.12.2018

Jedes Gesetz enthält eine zweifache Fiktion. Einmal entwirft es einen denkbaren Zustand, der sprachlich benannt, aber erst durch die Androhung und den realen Vollzug von Sanktionen durchgesetzt werden muss. Zum anderen enthält die Verkündung des Gesetzes die Fiktion, dass damit das Gesetz dem Bürger schon bekannt geworden ist. Diese Fiktion wird juristisch aber „unwiderlegliche Vermutung“ genannt und statt der tatsächlichen Kenntnisnahme reicht die Möglichkeit der Kenntnisnahme aus. Ansonsten könnte Recht als selbstreferentielles System gar nicht funktionieren. Es ist die Grundlage der Geltung des Gesetzes, an das sich der Bürger im Anschluss an die Verkündung zu halten hat.

Umso absurder ist es, wenn man die Verkündungsblätter – wie beim Bundesgesetzblatt und auch bei einigen Gesetz- und Verordnungsblättern der Länder geschehen – hinter einer Bezahlschranke versteckt. Dabei heißt „verstecken“ auch, wenn man lediglich eine „Nur-Lese-Version“ anbietet, die nicht ausgedruckt werden kann. Man könnte sogar die Frage stellen, ob damit eine ordnungsgemäße Verkündung erfolgt ist.
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