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Digitalisierung stellt die Welt vom Kopf auf die Füsse

Walther Ch. Zimmerli: Die Digitalisierung stellt die Welt vom Kopf auf die Füsse, in.: Neue Zürcher Zeitung 24.11.2019 beschreibt die Struktur, die seit Platon „die unser abendländisches Denken seither dominiert: die Vielfalt der Erscheinungen auf die Einheit der Begriffe (oder Ideen) zu bringen.
Diese erkenntnistheoretische Dimension der Denkfigur des Verhältnisses von Einheit und Vielheit bezieht ihre Kraft durch ihre Koppelung mit der technischen Umgestaltung der Welt, die mit wissenschaftlichen Modellierungen einherging. Technik als bloße Anwendung von Wissenschaft zu verstehen, ist Ausdruck der platonischen Sichtweise. Vielmehr müsse man „Wissenschaft als optimierendes Abstraktionsprodukt technischen Herstellens“ verstehen.
„Über die platonisierende Reduktion der Phänomenvielfalt auf die begriffliche Einheit der Ideen (wissenschaftlich: der anerkannten Theorien) hat sich nämlich längst schon eine technologische, zunehmend digitalisierte Vereinheitlichung der Phänomene gelegt. Das erst knapp drei Jahrzehnte alte World Wide Web und die dadurch ermöglichte Verbindung von Computertechnik und Telefonie hat die Welt der Phänomene in einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Masse vereinheitlicht.“
Die technologische Entwicklung, die mit der Metapher Digitalisierung nur unscharf erfasst wird, hat zu einer Vereinheitlichung von Mitteln wie Smartphone und entsprechenden Handlungen (Suchmaschinen) geführt. Selbst der Versuch, diese technologische Vereinheitlichung zusammenfassend zu benennen, trägt noch die platonischen Eierschalen mit sich.
Wie aber können wir uns überhaupt verorten?
„Das aber setzt die Einsicht voraus, dass wir es in unserer digitalisierten Welt in zunehmendem Masse nicht mehr mit naiv anzunehmenden Dingen und Sachverhalten auf der einen und deren begrifflicher Repräsentation auf der anderen Seite zu tun haben. Vielmehr geht es um die Welt realistisch interpretierter digitalisierter Zeichen, die sich, wie uns jeder Strichcode und jede erfolgreiche Rechnersimulation zeigen, semiotisch auf die zweiwertige Logik reduzieren lässt. Damit aber ist die Tür zu einer umfassenden Algorithmisierung weit aufgestossen, die nun nicht nur alles durchdringt, sondern auch erlaubt, eine anscheinend vollständig neue virtuelle Realität zu erschaffen.“
Diese unsere Welt ist von einer unterstellten «realen» Realität nicht mehr zu unterscheiden. In ihr bewegen wir uns, mit Müh und Not der Platonismus-Falle entronnen, nun in neuen Untiefen, in den Worten Friedrich Nietzsches: «auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend». Dabei wissen wir weder, was wir denken, noch, was wir tun.“

Dieses Fazit Zimmerlis stößt allerdings ein Fenster auf, aus dem wir in frischer Luft hinausblicken können sowohl auf die technologische Entwicklung als auch auf die binären Deformationen, denen wir uns schon begrifflich unterworfen haben. Oder ist auch dies schon Teil der virtuellen Realität, in der wir in einem technifizierten Diskurs, Digitalisierung als Heilserwartung einerseits, uralte Dämonen – nun in binärem Gewand – von Freund und Feind andererseits, die sich aus ihren Gräbern erheben und mit lehmiger Stimme die alten Abstraktionen verkünden, andererseits, befangen sind?