Sechs Digitalisierungsmythen

Veröffentlicht am

„Welche sozialen und politischen Konsequenzen haben automatisierte Entscheidungen von Computern? Wie beeinflussen sie unser alltägliches Leben? Und was passiert, wenn Maschinen diskriminieren? Diskutiert man über die Digitalisierung, geht es immer auch um diese Fragen.“ Diese Fragen stellt Jürgen Geuter: Nein, Ethik kann man nicht programmieren. Ethik kann man in Code festschreiben und künstliche Intelligenz ist in 20 Jahren besser als der Mensch? Nein. Sechs Digitalisierungsmythen, über die wir reden müssen, in: ZEIT Online vom 27.11.2018:
Irrtum 1: Die Anwendung von Ethik kann man in Computerprogrammen formulieren
Ethische Entscheidungsprozesse sind komplexe soziale und psychologische Vorgänge, die trotz identischer ethischer Regeln je nach sozialem, politischem, religiösem oder kulturellem Hintergrund zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können und deshalb im Diskurs ausgehandelt werden und nicht automatisiert werden können.
Irrtum 2: Daten erzeugen Wahrheit, und falls nicht, braucht man einfach mehr Daten
Daten selbst sind nicht neutral, sondern mit impliziten Annahmen befrachtet, die sichtbar, analysierbar und zu bewerten sind. (Ich füge hinzu: Seitdem ich diesen Blog betreibe, stoße ich laufend auf Daten, die bewusst verfälscht oder sogar einfach erfunden und anschließend erfolgreich in den öffentlichen medialen Diskurs eingebracht werden.)
Irrtum 3: In 20 Jahren gibt es eine künstliche Intelligenz, die genauso gut wie oder besser ist als menschliche
„…heute populäre Technologien wie etwa neuronale Netze sind weit entfernt von allem, was wir Intelligenz nennen würden. Sie sind Systeme automatisierter Statistikanwendung, die auf extrem spezielle Anwendungsfälle trainiert wurden und auseinanderfallen, sobald die Eingabe den engen Korridor der ihnen bekannten Daten verlässt…Letztlich existiert künstliche Intelligenz nicht. Und sie ist auch nicht nah. Es existieren leistungsfähige Statistiksysteme, denen durch einen attraktiven Namen eine gewisse Magie zugesprochen werden soll. „Künstliche Intelligenz“ ist nur ein Werbebegriff.“
Irrtum 4: Diskriminierung durch Algorithmen ist schlimmer als Diskriminierung durch Menschen
Die scheinbar neutralen Entscheidungen der Computer zementieren nur die schon vorhandenen Diskriminierungsstrukturen: „Während der Entwicklung dieser Systeme automatisieren Personen bestehende, tief in organisatorische Prozesse integrierte Formen der Diskriminierung und strukturellen Gewalt.“
Irrtum 5: Gesetze und Verträge können in Code ausgedrückt werden, um ihre Anwendung zu standardisieren
Gesetze und Verträge können nur in Standardsituationen erfolgreich in Programmcode ausgedrückt werden. Zum Teil muss aber eine Situation neu interpretiert und das Recht neu ausgelegt werden.
Irrtum 6: Digitale Freiheit drückt sich in der vollständigen Autonomie des Individuums aus
Die Gleichsetzung von Open Source Software mit Freiheit setzt ein privilegiertes digital autonomes und kompetentes, aber gleichzeitig darauf reduziertes Individuum voraus. „Wenn das Internet als ein Werkzeug der Freiheit wirken soll, dann kann ein digitaler Freiheitsbegriff sich nicht in isolationistischen Individualismus flüchten.“
Der Autor schließt: „Genauso wie die Digitalisierung versucht, die Welt der Software zugänglich zu machen, muss jetzt die Sozialisierung des Digitalen vorangetrieben werden: die Gestaltung auch unseres digitalen Lebens als kommunikatives, humanes Netzwerk zum Wohle der Menschen.“