Der Einfluss von Social Bots auf Wahlen: The Failure of Social Bots Research

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Michael Kreil, data  scientist, data  Journalist und open  data  activist, hat untersucht, ob tatsächlich Social Bots Wahlen von Donald Trump und den Brexit beeinflusst haben. Vortrag und Materialien hierzu hat er auf Github zur Verfügung gestellt: The Army that Never Existed: The Failure of Social Bots Research .video, slides, graphics, code, data and links by Michael Kreil. (November 2019) Hierzu untersucht er die Untersuchungen dreier Forschungsgruppen, auf die diese These zurückgehen: Comprop/Oxford: »Computational Propaganda Research Project« of Oxford University, Southern California/Indiana: Work of Emilio Ferrara (University of Southern California) and Alessandro Flammini (Indiana University), Berkeley/Swansea: Work of Oleksandr Talavera and Tho Pham (Swansea University) and Yuriy Gorodnichenko (University of California at Berkeley).

Er kommt zu dem Ergebnis, dass alle drei schwere wissenschaftliche Mängel aufweisen. Insbesondere werden Spam und normale Tweets falsch als politische Social Bots eingeordnet:
„Social Bot research is scientifically inaccurate on all levels.
In the last years the claim that “Social bots influenced elections” has spread widely. This theory can be fully explained by serious scientific mistakes made by researchers.
All the papers about social bots have to be reviewed again and have to be revoked if necessary.
This includes all other research from all other groups that have based their research on these flawed methods.
Do social bots exist? Probably. However, there is no evidence that they exist in large numbers, have influenced elections in any way or caused any other sort of problems.“

Er fordert statt der Schuldzuweisung an Social Bots eine politische Analyse: „Other reasons must be considered as potential causes for the election of Donald Trump, Brexit, the rise of the AfD in Germany and other similar issues: Outdated electoral systems, gerrymandering, the crisis of media, an easier rise of social movements through social media, right-wing narratives, and especially racism as a mass phenomenon are among the contemporary dynamics that should be studied as possible explanations for the main political events of the last years.“

Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten

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Christian Wendelborn: Warum wir auf den Begriff „fake news“ verzichten sollten, Blogbeitrag Philosophie aktuell , philosophie.ch Swiss Portal for Philosophy 19.11.2018 fordert, dass die mit dem Begriff „fake News“ benannten Phänomene, insbesondere politisch motivierte Desinformation politischer Medien, nach wie vor analysiert werden müssen. Den Begriff selbst hält er aus drei Gründen für ungeeignet:

1. „Fake News“ hat keinen festen und kontextunabhängigen Gehalt

Viele Autoren „scheinen die Annahme zu teilen, dass die Wendung „fake news“ eine allgemeine Bedeutung, also einen festen und kontextunabhängigen semantischen Gehalt hat, die die Philosophin mit den Mitteln der Begriffsanalyse nur herausarbeiten müsste. Diese Annahme ist aber, wie ich denke, fragwürdig. Denn „fake news“ wird von verschiedenen Sprechern in unterschiedlichen Kontexten auf ganz unterschiedliche Gegenstände angewendet.“ Die Analyse des Begriffs ist somit nicht wertfrei, sondern geht von der Voraussetzung des Verständnisses in bestimmten Teilen der Gesellschaft aus. Der Begriff könnte daher allenfalls kontextuell analysiert werden.

2. „Fake news“ ist ein politischer Kampfbegriff

Erstens wird „fake news“ in der politischen Auseinandersetzung gerne genutzt, um andere Meinungen und Personen zu diskreditieren und zu attackieren und komplexe Zusammenhänge (unangemessen) verkürzt darzustellen. Die Argumente und Positionen der jeweils anderen Seite werden mit Verweis auf fake news schnell zum Ausdruck der Irrationalität, Verführbarkeit oder ideologischen Verbohrtheit des Gegners. Man nutzt „Fake news“ zunehmend als politischen Kampfbegriff und damit mehr als rhetorisches Mittel und weniger als Werkzeug zur Aufklärung und Verständigung.“ Zweitens charakterisieren Machthaber damit ihnen ungelegene journalistische Beiträge. Von diesem politischen Ballast kann der Begriff kaum befreit werden.

3. „Fake news“ ist ein epistemisches Schimpfwort

„Der Begriff hat nicht nur deskriptiven Gehalt, d.h. er beschreibt nicht einfach nur einen Sachverhalt. Er hat auch einen evaluativen und einen expressiven Gehalt. Der evaluative Gehalt besteht darin, dass mit dem Begriff immer auch eine Wertung abgegeben wird.“ Der evaluative Gehalt enthält negative nicht-kognitive Einstellungen, die zu einer Abwertung und Herabsetzung des Anderen und eigener epistemischer Arroganz führen.

Schließlich werden mit dem Begriff unterschiedliche Phänomene benannt, die differenzierte Beschreibungen und Bezeichnungen erfordern: „Das eine Phänomen besteht in der Verbreitung von falschen oder irreführenden Berichten mit der Absicht, die eigene politische Agenda zu verfolgen. Hier wird ganz bewusst mit einem bestimmten politischen Ziel Meinungsbildung durch Desinformation betrieben. Das andere Phänomen stellt dagegen die Herstellung und Verbreitung von falschen oder irreführenden Meldungen mit dem Ziel der finanziellen Bereicherung dar.“ (Clickbaiting, Bewertungsmanipulation usw.)

Urbane Digitalisierung. Die Stadt, das Internet und die Plattformökonomie

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 Digitalisierung als euphorieerzeugende Weltformel

Während die Augen von Politik und Verwaltung noch auf schöne, blühende Landschaften hoffen, hat der Umbau der Städte durch die Digitalisierung längst begonnen. Merle Hilbk: Silicon Cities – der Umbau der Städte durch die Digitalindustrie. Doku, Kulturfeature WDR 3, 21.12.2019 (abrufbar in der ARD Audiothek), schildert dies anhand der Entwicklungen in Berlin und Lissabon. Junge hippe Leute werden einmal durch eine Startup Industrie angezogen und nach einer Weile durch andere ausgetauscht. Noch wichtiger aber ist die Medialisierung. Neben dem realen Berlin gibt es nun das virtuelle Instagram Berlin. Eine Verdoppelung der Welt, bevor in die reale Welt eingetauscht wird. Was jemandem gefallen könnte, zeigen die Algorithmen. In der realen Stadt werden die Bilder der virtuellen gesucht: sie wird zur Instagram Location, zum Themenpark. Diese Medialisierung, in der fotografiert und gepostet wird, verändert durch die „blinde Schwarmlogik“ die Stadt: Fonds aus Steueroasen steigen in den Immobilienmarkt ein und verändern das soziale Gefüge, Airbnb verdrängt den normalen Wohnraum, Google Maps lenkt Verkehrsströme um. Ist als Ergebnis das Leben nicht mehr authentisch und preiswert, ist der Immobilienmarkt ausgelutscht, zieht man weiter zu nächsten Stadt, in diesem Fall Lissabon. Die Autorin stellt die Frage, ob Digitalisierung nicht eine „euphorieerzeugende Weltformel“ ist, eine Formel aus der alten Welt, aus der Machtstrategie des Kapitals.

Internet als materielle Realität im urbanen Raum

Andreas Beckmann: Die Digitalisierung verändert die Stadt, Deutschlandfunk 09.06.2019 analysiert die Folgen der Digitalisierung im urbanen Raum für  individuelles Verhalten, demokratische Kultur, soziales Gefüge und Verkehr.
„Internet als materielle Realität im Raum“ prägt durch Vorinformation, die Lenkung durch Google Maps und Bewertungen die Sichtweise auf und den Umgang mit der Stadt. Auf- und Abwertung von Orten, Verödung oder Belebung von Geschäften und Wohngebieten verändern nicht nur die städtische Struktur, ohne dass eine demokratische Legitimation für diesen Eingriff vorliegt. Auch das Verhalten der Menschen selbst, die mit ihren Handy und Tablets beschäftigt sind und sich von der Umwelt abschirmen, führt dazu, dass die Funktion der Stadt, die Kommunikation im öffentlichen Raum, schwindet. Digitalisierung wird noch als Wirtschaftsförderung und Verbesserung der Verwaltung gesehen. Die Plattformökonomien greifen jedoch ganz anders in die Stadt ein. „Dann bietet Google Maps weltweit die Darstellung des Stadtplans an, Airbnb vermakelt Ferienwohnungen oder der Chauffeurdienst Uber Fahrdienstleistungen und Lieferando bringt die Pizza. Die Anbieter behaupten, diese jeweiligen Märkte damit effizienter zu gestalten. Doch gleichzeitig untergraben sie bestehende Gesetze wie „Zweckentfremdungsverordnungen“ oder „Personenbeförderungsrichtlinien“ und fördern prekäre Arbeitsverhältnisse. Sie stellen lokal etablierte Arrangements in Frage und wirbeln damit das soziale Gefüge einer Stadt durcheinander.“
Die Lenkung der Touristenströme durch die Plattformen verändert Wohnverhältnisse, Gewerbestruktur und Orientierung der Massen. Schließlich ersetzen oft Carsharing-Modelle oft nicht den Autoverkehr, sondern die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. 
„Offenbar können die Plattform-Betreiber ihr grundlegendes Versprechen häufig nicht halten, mit ihren technischen Lösungen städtische Prozesse zu optimieren. Das könnte vielleicht gelingen, wenn die Angebote an lokale Gegebenheiten angepasst oder in politische Regulierungen eingebettet wären. Aber wie sollen Städte das bewerkstelligen, wenn sie gar nicht wissen, welche Algorithmen wie die Plattformen steuern und Betreiber Informationen so weit wie möglich zurückhalten? Ähnlich wie einzelne Bürger brauchen auch Städte nach Meinung von Mark Graham ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung.“

Protest als urbane Politikfolklore

Malene Gürgen: Urbane Kämpfe und Digitalisierung. Der Turmbau zu Berlin, in: taz 14.01.2020 schildert die Proteste, die als „urbane Kämpfe“ deklariert werden, gegen ein im Bau befindliches Hochhaus in Berlin, in das Amazon einziehen soll. Die Folgen von Amazons Dominanz im Online Handel und die Verdrängungsprozesse an Wohnbereich werden geschildert. 
Aber nach dieser Schilderung stellt sich die Frage, ob nicht der Protest selbst von der Digitalisierung transformiert worden ist. Die Empörungsökonomie im Netz ist ritualisiert und digital eingebettet, sodass sie längst durch Algorithmen und Bots viel effektiver als durch individuelles Posten bewirtschaftet werden kann. Und die abstrakten Prozesse der Digitalisierung bleiben vom Protest unangetastet. Protestieren, marschieren, besetzen gegen etwas, was wahrnehmbar, also schon vorhanden ist und dann erst „betroffen“ macht. Die „Kämpfe“ werden zur politischen Folklore,  die urbane Digitalisierung begleitet.  

Voreingestellte Suchmaschinen in Android. Google als Gatekeeper

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Deutlicher könnte Google seine Funktion als Gatekeeper, der entscheidet, was sichtbar ist und was nicht, klarmachen: Die EU hat Google verpflichtet, zu ermöglichen, dass andere Suchmaschinen als Standard voreingestellt werden. Google löst dies, indem es sich die Voreinstellung bezahlen lässt. Alle vier Monate wird eine Auktion durchgeführt, welche drei andere Suchmaschinen außer Google bei der Einrichtung des Adroid-System voreingestellt werden können. Die gebotenen Summen sind nicht bekannt. Die Liste der Gewinner für den Zeitraum März bis Juni 2020 zeigt, dass vor allem DuckDuck Go, Info.Com und GMX auftauchen, die alle auf den Google-Index zugreifen. Eine echte Alternative ist damit nicht möglich. Larissa Holzki: Konkurrenten verärgert über Google. Android-Nutzer sollen nach einer EU-Entscheidung künftig zwischen Standard-Suchmaschinen wählen können. Doch Google lässt der Konkurrenz nur vermeintlich eine Chance., in: Handelsblatt 12.01.2020 schildert die Kritik an dieser Vorgehensweise und zieht eine Bilanz. „Die EU-Kommission könnte die Reaktion auf ihre Entscheidung im vergangenen Jahr als unzureichend ahnden. „Qwant und andere haben bereits auf die Ineffektivität des Mechanismus hingewiesen und werden nun weitere Belege dafür bringen“, sagte Thomas Höppner dem Handelsblatt.“

Image und Selbstbild im Datenstrom. Straflust und Strafangst im digitalen Gefängnis

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„Wenn jemand bei Facebook „postet“, dann löst er etwas von sich ab, und unterstellt es der Begutachtung und Bewertung all jener, denen der Einblick gewährt ist.“ Manuel Güntert: Unser digitales Image, in: Hohe Luft 08.01.2020 analysiert die Dichotomie zwischen dem öffentlichen Teil der Selbstdarstellung im Datenstrom, dem digitalen Image, und dem verbliebenen Rest, von deren Teilhabe die digitale Welt ausgeschlossen ist. Selbst dieser Rest ist aber schon durch diese Unterscheidung bestimmt, deren Regeln der Datenfluss setzt und die als digitales Image verinnerlicht werden und zur Selbstkontrolle zum Einsatz kommen.
„So machen anerkannte Eigenschaften und ihre Beziehung zum Image aus jedem Menschen seinen eigenen Gefängniswärter; es ist dies ist ein fundamentaler sozialer Zwang, auch dann, wenn ein Mensch seine Zelle gerne mag. Der digitale Fluss steht so für die unumgängliche körperlose Verkörperung der je eigenen Unterwerfung unter die je Anderen. Dabei ist jeder Einzelne immer sowohl Beobachter wie auch Beobachteter und dadurch immer sowohl Unterwerfer wie auch Unterworfener.“
Dieses digitale Gefängnis übt den Häftling in ein „Modell des Gehorsams“ ein, wenngleich die freie Ausgestaltung der Zelle die Fiktion von Individualität enthält. Der Datenfluss, dem „verinnerlichte Beobachtung zwingend vorgängig ist“, wirkt so massiv auf den Einzelnen ein, prägt den „digitalisierten Beobachter in ihm“
„Insofern die innere Beobachtung einem den Raum zwar zu Teilen gibt, ihn insgesamt aber eher nimmt, wird über das so generierte digitale Image Transparenz hergestellt: Indem es unser Inneres ausleuchtet, gleicht unser je „individuelles“ digitales Image uns Menschen einander an.“
Die vollständige Herstellung der Homogenität, die Individualität aufgesogen hat, im Datenstrom wird nur dadurch verhindert, dass der Datenstrom seine Fließrichtung ändern kann. „Wiewohl er eine Marginalie ist, kann jeder einzelne Teilhaber diese potentiell umlenken, und sei es nur durch ein einzelnes, immenses Aufsehen erregendes Posting. So beinhaltet der Kampf um Aufmerksamkeit, der dem Posten notwendig innewohnt, immer auch ein Tauziehen, in welche Richtung der Fluss zu fließen hat. Wer sich imstande zeigt, dessen Fließrichtung zu bestimmen, der wirkt auf etwas ein, an dem die je Einzelnen schlechterdings nicht vorbeikommen, wenn sie ihr eigenes digitales Image ausgestalten.“
Allerdings beinhaltet die Abweichung immer das Risiko und die verinnerlichte Angst, Imageeinbußen durch ein Shitstorm zu erleiden. Der digitale Fluss, der „von Straflust und Strafangst durchströmt ist“ wird so im wesentlichen in seiner Fließrichtung gehalten.

Fake News. Zur Psychodynamik des Unsinns

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In einem psychologischen Experiment haben ein Psychologe und eine Wirtschaftswissenschaftlerin untersucht, welche Folgen das wiederholte Lesen von Falschinformation hat. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass durch die Wiederholung ein Gewöhnungseffekt eintritt. Die bekannte Information wird leichter verarbeitet, sie erscheint glaubwürdiger und ihre Weiterverbreitung weniger unmoralisch. „People were also more likely to actually share repeated headlines than to share new headlines in an experimental setting. We speculate that repeating blatant misinformation may reduce the moral condemnation it receives by making it feel intuitively true, and we discuss other potential mechanisms that might explain this effect.“

Christiane Gelitz: Wann wir hemmungslos Unsinn verbreiten. Auch wenn wir eine Falschmeldung als solche erkennen: Je öfter wir ihr begegnen, desto eher tragen wir sie selbst weiter, in: Spectrum.de 02.12.2019

Daniel A. Effron; Medha Raj: Misinformation and Morality: Encountering Fake-News Headlines Makes Them Seem Less Unethical to Publish and Share

Alternative Suchmaschinen, ein Überblick von Digitalcourage

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Digitalcourage e.V., ein Verein, der sich für Grundrechte und Datenschutz einsetzt, stellt auf ihrer Webseite Suchmaschinen vor, die eine Alternative zu Google sein können: „Es geht auch ohne Google – Alternative Suchmaschinen“. Bewertet werden MetaGer , DuckDuckGo , eTools.ch, Qwant , Searx , Startpage , YaCy. Beschrieben werden Datenschutz, die Personalisierung von Daten, aber auch, wie die Indizes aufgebaut sind und wie die Suchergebnisse ausfallen. Empfohlen wird die Suchmaschine Metager, die mit einer Suche in  Startpage durch ein einfaches Kommando kombiniert werden kann.

Digitalisierung stellt die Welt vom Kopf auf die Füsse

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Walther Ch. Zimmerli: Die Digitalisierung stellt die Welt vom Kopf auf die Füsse, in.: Neue Zürcher Zeitung 24.11.2019 beschreibt die Struktur, die seit Platon „die unser abendländisches Denken seither dominiert: die Vielfalt der Erscheinungen auf die Einheit der Begriffe (oder Ideen) zu bringen.
Diese erkenntnistheoretische Dimension der Denkfigur des Verhältnisses von Einheit und Vielheit bezieht ihre Kraft durch ihre Koppelung mit der technischen Umgestaltung der Welt, die mit wissenschaftlichen Modellierungen einherging. Technik als bloße Anwendung von Wissenschaft zu verstehen, ist Ausdruck der platonischen Sichtweise. Vielmehr müsse man „Wissenschaft als optimierendes Abstraktionsprodukt technischen Herstellens“ verstehen.
„Über die platonisierende Reduktion der Phänomenvielfalt auf die begriffliche Einheit der Ideen (wissenschaftlich: der anerkannten Theorien) hat sich nämlich längst schon eine technologische, zunehmend digitalisierte Vereinheitlichung der Phänomene gelegt. Das erst knapp drei Jahrzehnte alte World Wide Web und die dadurch ermöglichte Verbindung von Computertechnik und Telefonie hat die Welt der Phänomene in einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Masse vereinheitlicht.“
Die technologische Entwicklung, die mit der Metapher Digitalisierung nur unscharf erfasst wird, hat zu einer Vereinheitlichung von Mitteln wie Smartphone und entsprechenden Handlungen (Suchmaschinen) geführt. Selbst der Versuch, diese technologische Vereinheitlichung zusammenfassend zu benennen, trägt noch die platonischen Eierschalen mit sich.
Wie aber können wir uns überhaupt verorten?
„Das aber setzt die Einsicht voraus, dass wir es in unserer digitalisierten Welt in zunehmendem Masse nicht mehr mit naiv anzunehmenden Dingen und Sachverhalten auf der einen und deren begrifflicher Repräsentation auf der anderen Seite zu tun haben. Vielmehr geht es um die Welt realistisch interpretierter digitalisierter Zeichen, die sich, wie uns jeder Strichcode und jede erfolgreiche Rechnersimulation zeigen, semiotisch auf die zweiwertige Logik reduzieren lässt. Damit aber ist die Tür zu einer umfassenden Algorithmisierung weit aufgestossen, die nun nicht nur alles durchdringt, sondern auch erlaubt, eine anscheinend vollständig neue virtuelle Realität zu erschaffen.“
Diese unsere Welt ist von einer unterstellten «realen» Realität nicht mehr zu unterscheiden. In ihr bewegen wir uns, mit Müh und Not der Platonismus-Falle entronnen, nun in neuen Untiefen, in den Worten Friedrich Nietzsches: «auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend». Dabei wissen wir weder, was wir denken, noch, was wir tun.“

Dieses Fazit Zimmerlis stößt allerdings ein Fenster auf, aus dem wir in frischer Luft hinausblicken können sowohl auf die technologische Entwicklung als auch auf die binären Deformationen, denen wir uns schon begrifflich unterworfen haben. Oder ist auch dies schon Teil der virtuellen Realität, in der wir in einem technifizierten Diskurs, Digitalisierung als Heilserwartung einerseits, uralte Dämonen – nun in binärem Gewand – von Freund und Feind andererseits, die sich aus ihren Gräbern erheben und mit lehmiger Stimme die alten Abstraktionen verkünden, andererseits, befangen sind?

Ökonomie des Internet: Das Internet als Infrastruktur, die politisch geregelt werden muss

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Evgeny Morozov: Das World Wide Web wird 30. Das digitale Netz dringt in alle Lebensbereiche vor – mit noch immer unabsehbaren Folgen, in: Neue Zürcher Zeitung 17.4.2019 kritisiert ein technizistisch verkürztes Verständnis des Internet. Zum einen wird die Entstehung verkannt. Sie war nicht auf engagierte Programmierer und Computerfreaks zurückzuführen. „Die ersten Datennetzwerke wurden im Pentagon und an der Wall Street entwickelt und propagiert. Die Regierungen hatten von Anfang an ihre Hand im Spiel, wobei nicht nur die Geheimdienste involviert waren, sondern auch – jedenfalls in den USA – das Finanz- und das Handelsministerium: Sie sollten die weltweite Vormachtstellung der amerikanischen Computerindustrie sichern. Die Werbeindustrie sprang nicht erst nach der Jahrtausendwende auf den digitalen Zug auf, sondern schon in den frühen neunziger Jahren, als die ersten Browser installiert wurden.“ Zum anderen war das scheinbar Immaterielle und Virtuelle schon immer an Infrastrukturen gebunden. Sie sind
„zum kapitalintensivsten Sektor der Wirtschaft geworden, gestützt von handfesten Dingen wie riesigen Rechenzentren, Unterseekabeln und einer Sensor-Infrastruktur, die unsere Städte überspannt“.

Morozov kritisiert daher die von Tim Berners-Lee neu entwickeltes Lösung Solid für die Verwaltung der Daten durch den Benutzer selbst als „technokratische Heilslehre“, die „die ganze Geschichte des Internets auf den Übergang von einer guten Technologie – der Erfindung des Übertragungsprotokolls HTTP – zu einer anderen guten Technologie – «Solid»“ reduziert. Er fordert stattdessen eine politische Regelung der Infrastrukturen: „Zunächst brauchen wir eine Politik für diese Infrastrukturen, die auch Aspekte wie deren politische Ökonomie, die Besitzverhältnisse und die Verteilung der Risiken zwischen diversen öffentlichen und privaten Akteuren einbegreift. Erst dann können wir uns der profaneren Aufgabe zuwenden, die richtigen Mechanismen und Plattformen zu finden, um alle Bestandteile in eine gemeinsame Struktur einzubinden.“

Fake News und moralische Identität

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Philipp Hübl: Bullshit, Fake-News und Verschwörungstheorien: Wo finden wir in unserem täglichen Informationsmüll die Wahrheit? Und gibt es sie überhaupt?, in: Neue Zürcher Zeitung 28.3.2019 vertritt die These, dass es bei Fake News hauptsächlich um moralische Identität geht: „Tatsächlich geht es bei Fake-News aber gar nicht primär um Wahrheit, sondern vor allem um Moral. Wenn Menschen Nachrichten fälschen und verbreiten, dann haben sie fast immer eine Motivation: Sie wollen ihr moralisches Weltbild bestätigen oder all das als «Lügenpresse» diskreditieren, was diesem Weltbild widerspricht.“

Dadurch wird nicht nur der Themenkreis der Fake News eingegrenzt. Sondern auch das „Stammesdenken“, die Bewahrung der zentralen Werte der eigenen politischen Gruppe, behindert die Reflexion, so scharfsinnig sie sich auch geben mag. „Je scharfsinniger seine Probanden waren, desto mehr neigten sie zu Fehlinterpretationen.“
Hübl unterscheidet zwei aktive Erzeuger von Fake News: Der Lügner (sagt vorsätzlich die Unwahrheit). „Der Bullshitter  (ein Fachwort des Philosophen Harry Frankfurt) hat zwar ebenfalls oft eine politische Agenda, nimmt allerdings die Unwahrheit nur billigend in Kauf. Was ihm in den Kram passt, verbreitet er. Ob es sich als wahr oder falsch herausstellt, ist ihm egal.“ Das Ganze wird aber einem dritten Typus, dem „Trottel“ verbreitet, „der den ganzen Unfug anklickt, Likes gibt und teilt.“
Alle drei sind der moralischen Identität, dem Stammesdenken, verhaftet und verkörpern jeweils nur die aktive und die passive Seite.
Hübls Empfehlung, sich durch „Wachsamkeit und Nachdenken“ vor Fake News zu schützen, läuft allerdings in eine Aporie, da er die Funktion der Fake News erklärt, nicht aber ihre Entstehung, die gezielte Konstruktion, Kreativität, Poetik einerseits oder aber die Immunisierung des Mainstreamdenkens, das sich in bestimmte Fake Elemente verpuppt oder graduell in Fake News abgleitet, andererseits.
Seit Thomas Kuhns Paradigmenwechsel wissen wir außerdem, dass selbst die Wissenschaft sich in Paradigmen bewegt, nur innerhalb derer in der Regel  Hypothesen überprüft werden. Paradigmenwechsel erfolgen nur durch die Änderung der Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.

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