Erkenntnistheorie

Kant und das Internet

Fragen wir doch einen „Experten“. Was würde Immanuel Kant zum Internet sagen?
Markus Gabriel Interview: Kant und das Internet : Aufklärung braucht Zeit – und die fehlt im Netz
Florian Felix Weyh: DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt

Markus Gabriel Interview: Kant und das Internet : Aufklärung braucht Zeit – und die fehlt im Netz , in: FAZ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/interview-kant-und-das-internet-aufklaerung-braucht-zeit-und-die-fehlt-im-netz-1912940.html  01.02.1010

Gabriel sieht das Internet im Sinne Kants als Aufklärungsinstrument.

„Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das „Ding an sich“. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche.
Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf – es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten.“

Der Page-Rank-Algorithmus, obwohl ideologisch geprägt, sei als mathematisches Konstrukt Kant extrem sympathisch gewesen.

Kant „wäre auf jeden Fall die im Internet angelegte Fenster-Metaphorik vertraut vorgekommen. Er hätte in ihm eine komplexe Kopie der gesamten Vernunftstruktur gesehen: Wir haben eine Sinnlichkeit, also Informationsinput, wir haben Verstand, Regeln und wir haben Vernunft – wobei Vernunft in Kants Sinn dem Zusammenhalten verschiedener Informationsquellen entspräche. Sie kommt ins Spiel, wenn ich mich frage: nutze ich Google, oder greife ich zu einem anderen Angebot. Beim Überblicken der Vielfalt des Internets und der Auswahl zwischen unterschiedlichen Optionen, kommt die Vernunft zum Tragen.“

Grundsätzlich sei das Internet als Aufklärungsinstrument geeignet. Wesentliches Kriterium der Aufklärung ist aber die „Selbsttransparenz“: Die Verantwortung liegt beim Urteilenden selbst, der die Gründe seines Urteilens verstehen und selbst verteidigen muss. Der Urteilende kann aber durch das Internet in eine „Überforderungssituation“ geraten.

Fassen wir das Ergebnis zusammen: Danach würde es also ausreichen, die Medienkompetenz des Urteilenden zu erhöhen. Aber das gerade ist das Problem: die meisten Internet-Benutzer sind mit den Suchergebnissen zufrieden und halten aufgrund der positiven Ergebnisse einfacher Faktenrecherche ihre Medienkompetenz für ausreichend.

Florian Felix Weyh: DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt, in: Deutschlandfunk 28.02.2016 http://www.deutschlandfunk.de/philosophie-in-der-digitalen-welt-digikant-oder-vier-fragen.1184.de.html?dram:article_id=342818

Weyh geht davon aus, wie sich nach Meinung von Quantenphysikern auf Quantenebene Materie konstituiert:

„Information kann nicht nur das sein, was wir über die Welt ‚lernen’. Sie kann das sein, was die Welt ‚macht‘. […] Wenn ein Photon absorbiert und dadurch ‚gemessen’ wird – bis zu seiner Absorption hat es keine Wirklichkeit -, wird ein unteilbares Informations-Bit zu dem hinzugefügt, was wir über die Welt wissen, und gleichzeitig determiniert das Informations-Bit die Struktur eines kleinen Teils der Welt. Es ’schafft‘ die Realität von Zeit und Raum dieses Photons“.

Davon ausgehend prüft er die vier Fragen, die Immanuel Kant 1765 in seinen Vorlesungen zur Logik zur Aufklärung stellte, und extrapoliert die Antworten auf einen Zeitraum bis 2050.

Was kann ich wissen?
Alles ist zugänglich, die Menge aber nur mehr maschinell zu bewältigen. Wissenschaft und Zitationswesen ist entwertet. Information kann nicht mehr validiert werden, Wissen wird zeitlos und grenzenlos: „Es gibt nur noch Wahrheitsvereinbarungen mit mäßiger gesellschaftlicher Bindungskraft: Wem eine Vereinbarung nicht passt, der wählt eine andere.“ Verschwörungstheorien und pseudowissenschaftliche Erklärung überwuchern evidenzbasierte Ansätze: „Denken drohte ankerlos zu werden, bis man sich erinnerte, dass Wissen als Orientierungsmacht nur dort existiert, wo Institutionen für abgesicherte Informationsfelder sorgen, und Unwissen beherzt ausgegrenzt wird.“

Was soll ich tun?

In der Zukunft wird die Unterwerfung unter die Technik und die Preisgabe der Daten vollständig sein. Komplementär zur Aufgabe des Freiheitsbegriffs steigt die Kontrollierbarkeit der Rechtsnormen

„Seit man aber im digitalen Universum seine Freiheit in Zahlung gab, um durch die Registratur aller Handlungen politisch wirksam zu sein, erhielt man gratis ein System angemessen abgestufter San­k­tions­möglichkeiten dazu.“

So dass sich die Frage beantworten lässt:

„Dem Eigenen nur so lange Vorrang gewähren, wie es das Allgemeine nicht beschädigt. Der Vorteil der Zweiten Aufklärung liegt darin, dass man ein unmittelbares Feedback erhält. Während man früher einen moralischen Stellungssinn benötigte – und ihn oft genug verkümmern ließ -, erhält man nun eine Stellungsmeldung, die einen unmittelbar über eigene Fehlstellungen in der Gesellschaft informiert. Und jede Störung im Gefüge meldete sich als Störung im Individuum zurück.“

Was darf ich hoffen?

„Ich darf hoffen, unsterblich zu werden. Da Information unsere Existenz begründet – „It from bit“ – kann es im ewigen Verzeichnetsein keinen Tod mehr geben, nur noch ein Verschleißen des biologischen Trägermaterials.“

Was ist der Mensch?

„Der Mensch basiert auf Informationen; sie allein zu kennen oder nicht zu kennen, macht den Unterschied.“

Weyh sieht eine unvermeidliche Entwicklung des Verlusts der Schöpferstatus des Menschen:

Mit der Digitalisierung ging er einen Schritt zu weit. Sie veränderte den humanen Code so, dass der Mensch am Ende seine Macht wieder verlieren muss, die er zwischenzeitlich durch die Maschinen gewonnen zu haben schien. Er diffundiert in eine schwer fassbare Entität hinein, in ein vielleicht beglückendes Wir, das ohne Ichs auskommt.“

Fassen wir zusammen : Eine düstere Prognose, in der die vorhandenen Versuche, Information zu bewerten oder mit Sozialen Medien zu agieren – also auch diese Webseite – nur Symptome oder Übergangsformen sind hin bis zu diesem Endstadium.

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