Faktenchecks im demokratischen Diskurs

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Johannes Odendahl: Fakten gecheckt – Diskussion vertagt, in: NZZ 17.10.2010 weist darauf hin, dass „öffentlich vorgebrachte Aussagen durch gewissenhafte Recherchen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen“, eine wichtige „diskurshygienische Funktion“ haben kann. Das Format des Faktenchecks allerdings „bringt es mit sich, dass sie stets lauter Richtiges sagen und dennoch manchmal in der Summe falsch liegen.“
Es droht der Text und der Kontext der Aussagen verlorenzugehen. Textauslegung beruht auf dem Konzept der „hermeneutischen Billigkeit“ (charity principle), die zunächst die Intention des Autors akzeptiert und erst dort einzelne Äußerungen einordnet. Der hermeneutische Zirkel (Textinterpretation ausgehend vom vom Einzelnen und Besonderen hin zum Allgemeinen und Ganzen und von dort wieder zum Einzelnen hinab) widerspricht der normalen Vorgehensweise des Faktenchecks, die Einzelaussagen isoliert und nach einer Falsch-Richtig-Skalierung wertet, die selbst auf einem Gebiet wie der evidenzbasierten Medizin oft nicht so eindeutig ist, wie behauptet. Plädiert wird dafür, zwar Fakten nach Möglichkeit unter Einbeziehung ihres Kontextes abzuprüfen, auf dieser Basis aber den demokratischen Diskurs nicht zu schließen, sondern zu öffnen. „Faktenchecks dürfen nicht dazu missbraucht werden, unliebsame Gesprächspartner und Positionen zu diskreditieren.“

Sind statistische Daten Fakten?

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In einem Artikel vom 02.11.2018 der Neuen Zürcher Zeitung schildert der Artikel „Das Bundesamt für Statistik schafft die Fakten für die Schweizer Demokratie. Dann macht es einen Fehler“   , wie statistische Daten offiziell verändert wurden:

„Die Statistik zur Ausschaffung von kriminellen Ausländern zeigte, dass der Staat angeblich nur 54 Prozent von ihnen ausgeschafft hatte ­– die Zahl suggerierte, dass die anderen als Härtefalle eingestuft und deshalb nicht des Landes verwiesen worden waren. Das Thema ist brisant, bisher liess sich der Effekt der Ausschaffungsinitiative nicht in Zahlen fassen. Nach der ersten Entrüstung rechnete das BfS neu: 69 Prozent. Dann löschte es die Statistik ganz von der Website.“

Sind Daten komplex, so dass sie einer Komplexitätsreduktion bedürfen, um verständlich zu sein? Sind statistische Daten Fakten oder sind sie Interpretationen? Auf welche Interpretationen einigt man sich oder sind die Interpretationen Fake-News?

„«Natürlich ist Statistik hochpolitisch», sagt Ulrich. Denn was gemessen wird und wie, ist politisch, wen man fragt und welche Fragen man stellt. «Es gibt keine Wahrheit, man kann sich nur einig sein, was man messen will.» Wie hoch ist die Armut? Die Bildung? Das Bruttoinlandprodukt? Mit den Indikatoren macht man Politik, weil man sich auf sie geeinigt hat. «Aber am Ende sucht sich in der Statistik jeder seine eigene Wahrheit, das war schon immer so», sagt Ulrich.“

„Die zurückgezogenen Ausschaffungszahlen des BfS zeigen, dass man sich immer wieder neu einigen muss, was die Fakten sind und wie sie geschaffen werden. Die Fake-News-Rufe aber haben einen Zweifel gesät: daran, dass es so etwas gibt wie Fakten, dass es überhaupt etwas gibt, worauf man sich geeinigt hat in diesem Land.“