Kryptoweb als Web3

Evgeny Morozov “Das Web3 als Anfang der Finanzialisierung von allem. Nach dem Web 2.0 soll jetzt das Web3 wieder einmal die Ökonomie demokratisieren und Macht dezentralisieren. Doch das ist eine trügerische Hoffnung. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 26.12.2021 (hinter der Bezahlschranke)“.

Dass die Plattformökonomie des Web 2.0. mit ihren zentralen Datenbewirtschaftungen in einigen Aspekten ansatzweise staatlich kontrolliert wird, überbrückt nur scheinbar den “‘Tech-Clash'” – die Kluft zwischen den Tech-Businessmodellen und der Gesellschaft”. Die neueren Ansätze einer dezentralen, auf Blockchain-Technologie basierten Technologie behaupten, Web 2.0. sei aufgrund der zentralen Struktur “kaputt”: Nutzer und ein Netzwerk unabhängiger Rechner sollten in Zukunft das Netz betreiben.

Zunächst war mit Web 3.0. ein semantisches Netz gemeint, die Wissensrepräsentation beliebiger Daten  durch bestimmte Datenmodelle, die einen umfassenden Zugriff auf Informationen ermöglichen würde. Diesen Begriff hat das Kryptoweb gekapert, da “Krypto” zu sehr mit Spekulation und Betrug konnotiert ist.

“Web3 ist nur ein cleverer Marketinggag, ein verführerischer Euphemismus, der die dahinterstehenden Technologien beschönigt. Die meisten von ihen stammen aus der Welt der Kryptowährungen und Blockchains; ein treffenderer Name für dieses Phänomen wäre das ‘Krypto-Web.’ Aber ‘Krypto’ ist als Marke beschädigt worden aufgrund einer Reihe von Skandalen, bei denen es etwa um Betrug, zügellose Spekulationen oder eine schreckliche Umweltbilanzs ging. Die neue, ‘saubere’ Marke ist daher ‘Web3’.”

Morozov beschreibt die Strukuren des Kryptoweb: Für jeden Prozess und jedes Objekt können Anteile, sogenannte Tokens ausgegeben und mit der Außenwelt gehandelt werden: “Tokens sind programmierbare und handelsfähige digitale Objekte, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Sind sie austauschbar (‘fungible’), kann man sie als Währung oder Miteigentumsanteil nutzen”. Mit Mikrozahlungen dieser Tokens sollen sowohl Infrastruktur als auch alle Objekte und Prozesse durch den Markt gesteuert werden. “Die Logik der meisten ihrer Projekte ist in höchstem Maße antipolitisch. So wie Bitcoin das Zentralbankwesen überflüssig machen wollte und die Geldschöpfung Algorithmen überließ, wollen diese neuen ‘tokenisierten’ Instrumente die traditionelle Politik und jede demokratische Verhandlungsdynamik unnötig machen und sie durch die Preis- und Verteilungsmechanismen des Markes ersetzen.” Nicht nur der gigantische Energieverbrauch von Kryptobörsen und Blockchain (der nicht weniger problematisch wird, wenn man für das Mining grüne Energie nutzt – die dann ja an anderer Stelle fehlt), sondern auch dieses toxische Element der gesellschaftlichen Steuerung macht das angestrebe Kryptoweb zu einer Gefahr. Morozov fordert daher dringend eine zeitnahe Regulierung dieser Kryptoansätze – die nicht wieder wie beim Web 2.0 Jahrzehnte verschläft: “Es gibt auf diesem Gebiet keine Regulierung, die verfrüht oder zu wenig aggressiv wäre.”

Kann Vertrauen digital erzeugt werden?

Der Blockchain-Hype setzt darauf, dass die Prozesse und das Datenmanagment sicher und effektiver ablaufen. Sind dadurch gleichzeitig die Inhalte glaubwürdiger? Kann Vertrauen digital erzeugt werden? Kai Stinchcombe, Chef eines Finanzdienstleisters, sagt nein:

“Blockchain systems do not magically make the data in them accurate or the people entering the data trustworthy, they merely enable you to audit whether it has been tampered with. A person who sprayed pesticides on a mango can still enter onto a blockchain system that the mangoes were organic. A corrupt government can create a blockchain system to count the votes and just allocate an extra million addresses to their cronies. An investment fund whose charter is written in software can still misallocate funds.”

Das eigentliche Problem seien nach wie vor die Voraussetzungen und die Vertrauenswürdigkeit der Daten, die am Anfang der Prozesskette stehen.

Kai Stinchcombe: Blockchain is not only crappy technology but a bad vision for the future, Medium 05.04.2018

Sieht so das Internet der Zukunft aus? Die Blockchain soll das Geschäftsleben revolutionieren und eine neue Ära der Demokratie einläuten. Nun gibt es erste Dienste, die erahnen lassen, wohin die Reise geht. Tagesanzeiger 10.07.2018