Suchmaschine als Überwachungsinstrument

Ruth Fulterer, Jonas Oesch: Das Ende der Anonymität: Wie eine Suchmaschine für Gesichter unser Leben verändern könnte, Neue Zürcher Zeitung 10.09.2022 (hinter der Registrierungsschranke) beschreibt ein Experiment, mit dem sich eine allgemein zugänglich Software als Überwachungsinstrument missbrauchen lässt.
Weitere Artikel:
Sebastian Meineck: Gesichter-Suchmaschine: Dutzende Männer wollen mit PimEyes fremde Frauen finden, Netzpolitik.org 12.08.2022
Josephine Lulamae: Schöne neue Tech-Welt: Gesichtserkennung für alle. Gesichtserkennungstools wie FindClone, PimEyes oder Search4Faces höhlen Privatsphäre und Datenschutz in einem unheimlichen Ausmaß aus. Wir stellen einige Gebrauchs- und Missbrauchsfälle dieser Dienste vor, die für ein Taschengeld zu haben sind, in: Algorithmwatch 03.08.2022

Die Software:
https://findclone.ru/
FindClone Alternatives
Aric Toler: Using the New Russian Facial Recognition Site SearchFace , Bellingcat 19.02.2019
PimEyes Face Search Engine Reverse Image Search
Search4faces
Marie-Astrid Langer: Gesichtserkennung prägt die moderne Kriegsführung. Software zur Gesichtserkennung kennt man bis anhin von Smartphones oder aus Ermittlungen amerikanischer Fahnder. Nun helfen derartige Programme der Ukraine dabei, tote russische Soldaten zu identifizieren., in: Neue Zürcher Zeitung 17.04.2022

Yandex – Suchmaschine als Propagandainstrument

Adrienne Fichter, Iwan Ruslyannikow: Yandex – ein Tech-Unternehmen kreiert Zombies. Am Anfang war Yandex ein hippes russisches Tech-Start-up. Dann wurde es zum grössten Propaganda­instrument des Kreml. Jetzt versucht das Unternehmen verzweifelt, seine toxischen Produkte loszuwerden und zu seinen Wurzeln zurück­zukehren, in: Republik 14.07.2022 beschreiben, wie die russische Suchmaschine Yandex zu einem Propagandainstrument Putins verwandelt wurde.

Google selbstreferentiell

Michael Moorstedt: Die Suchmaschine wird laut Kritikern immer schlechter. Sind wir nur zu verwöhnt, wie der Konzern behauptet?, Süddeutsche Zeitung 27.06.2022 beschreibt, wie die Google-Suche durch drie Faktoren immer schlechter wird: “Die Ergebnisse sind überladen, voll von Werbung und Produktanzeigen.” Google verweist immer mehr auf eigene Seiten, zu denen auch kleine, aus anderen Webseiten extrahierte Inhalte gehören, zu deren vollständigen Angebote der Benutzer gar nicht erst gelangt. Schließlich verzerren auch die SEO-Tools der Suchmaschinenoptimireung die Suchergebnisse. Eine umfangreiche Studie hierzu legen Adrianne Jeffries und Leon Yin: Google’s Top Search Result? Surprise! It’s Google. The search engine dedicated almost half of the first page of results in our test to its own products, which dominated the coveted top of the page, TheMarkup 28.07.2020 vor.

Neue Suchmaschine You

Eine neue Suchmaschine YOU bewertet die Suchergebnisse und klassifiziert sie in Rastern. Suchergebnisse sollen somit nicht linear dargestellt werden, sondern bevorzugte Quellen sollen schnell ausgewählt und als Präferenzen festgehalten werden. In dem Artikel “Suchmaschine You.com: Google-Alternative macht vieles anders. tn3 10.11.2021” wird dies wie folgt charakterisiert: “Im Gegensatz zur linearen Auflistung von Ergebnissen präsentiert you.com die Suchantwort anders. Ein Gitter zeigt Infoblöcke, die nach Quellen sortiert sind. In der Sektion „You Apps“ können Nutzer die Quellen gliedern und ihnen Relevanz zuordnen. Dabei tauchen hochgestufte Quellen weiter oben auf, neutrale oder heruntergestufte unten. Unter den Plattformen finden sich zum Beispiel Wikipedia, Reddit, Twitter, Linkedin, Tiktok, Youtube, GitHub, Arxiv, Yelp, Goodreads oder Techcrunch. Doch auch reine Mediensektionen wie Videos, Bilder, News und Musik sind möglich. “

Die Suchmaschine ist im Beta-Stadium und nur in englischsprachiger Oberfläche vorhanden. Es wird nicht offengelegt, auf welche Indizes (z.B. von Bing) sie sich stützt oder ob sie sich als Metasuchmaschine versteht. Personendaten werden nicht gespeichert und personenbezogene Werbung soll es nicht geben.

https://you.com/

 

Suchmaschine Brave

BRAVE war als Browser angetreten, das Internet-Geschäftsmodell zu revolutionieren. Die automatisiert dem Benutzer aufgespielte Werbung sollte blockiert werden. Der Benutzer sollte stattdessen mit Micropayment über eine Kryptowährung für das Ansehen von Werbung bezahlt werden. Dies ist vor allem an dem Widerstand der Werbetreibenden gescheitert. Mit dem akquirierten Geld von Investoren startet Brave jetzt eine Suchmaschine. In den Ankündigungen zunächst wieder euphorisch für den Datenschutz gepriesen, wurde dieser schon in Diskussionen hinterfragt, weil Brave bei der Suchanzeige Identifikatoren mitsendet. Aber was ist mit dem eigentlich Zweck einer Suchmaschine, der Suche?
Brave behauptet, einen eigenen Index zu haben: “Brave Search beta is based on an independent index, the first of its kind. However, for some queries, Brave can anonymously check our search results against third-party results, and mix them on the results page. This mixing is a means-to-an-end toward 100% independence. For full transparency and to measure Brave’s progress toward that goal, Brave provides a “Results independence” metric. This anonymous calculation shows the % of search results that come from Brave versus these third parties. Note that no matter the independence metric, your privacy will always be 100%.

Heise berichtet: “Anfang des Jahres wurde bekannt, dass der amerikanische Browser-Hersteller die Suchmaschinen-Technologie Tailcat aus dem Nachlass der Burda-Tochter Cliqz gekauft hat.” Wie der eigene Index aussieht und welche “third-party results” wie eingemischt werden, bleibt unklar.

Der Archivar und Blogger Klaus Graf hat schon andere Suchmaschinen mit Known Item Searches geprüft. Hinsichtlich der Brave Suchmaschine kommt er zu dem Ergebnis:Die neue Suchmaschine https://search.brave.com/ überzeugt mich als Google-Alternative nicht. Bei meinem großen Suchmaschinentest 2021 hätte die Suchmaschine nicht einmal das Knockout-Kriterium a) geschafft. Bei einer Auswahl der 18 Fragen ergab sich folgendes schwache Bild: 6 null Punkte, 7 zehn = Maximalpunktzahl, 8 (Bookmarkfunktion) null, 9 zehn, 13 null, 16 zehn, 18 null. Macht 30 Punkte, Google 60 Punkte (neu überprüft).”

https://brave.com/search/

Neuzeitliche Informationsvermittlung als “Suchmaschine”

Der neuzeitliche Umgang mit Informationen führte in den Metropolen zur Gründung von Informationsbüros, in dem keine persönlichen Netzwerke und Klientelbeziehungen für den Zugang zu Informationen erforderlich waren. Richard Hemmer und Daniel Meßner: Kleine Geschichte eines Arztes, der vor Langem die Suchmaschine erfand, Spektrum 28.07.2021 beschreiben, wie Théophraste Renaudot (1586–1653) 1630 in Paris das »Bureau d’adresse« gründete. Das Dienstleistungsunternehmen vermittelte gegen eine geringe Gebühr Arbeit, Wohnungen, Tiere und Gegenstände. Später gingen die Adressbüros in Zeitungsredaktionen auf, die Informationen nicht direkt vermittelten, sondern öffentlich als Anzeigen präsentierten.

Anton Tantner: Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit, Habilitationsschrift Wien 2011

Strukturwandel des Wissens im Web

Hans Ulrich Gumbrecht: Google weiss viele Antworten auf unsere Fragen. Wir lernen auch gerade, dass Wissen im herkömmlichen Sinn sich verändert. Aber wie es sich verändert, weiss nicht einmal Google, Neue Zürcher Zeitung 10.08.2021 analysiert den Strukturwandel des Wissens durch die Suchmaschinentechnologien des Web. Zunächst beschreibt er das Selbstbild des Menschen, die “Grenze zwischen dem Menschenmöglichen und dem früher Unmöglichen“,  der Unerreichbarkeit,  aus dem sich die Allwissenheit der monotheistischen Götter entäußert. Im Mittelalter geht noch das Wissen aus der Gnade der göttlichen Offenbarung hervor und verbleibt selbst schriftlich fixiert in diesem hermetischen Rahmen. “Erst mit den Säkularisierungsschüben der frühen Neuzeit und der aus ihr entstehenden Erwartung einer offenen Zukunft wurde Wissen zu einer von den Menschen selbst produzierten konzeptuellen Erfassung der Welt, die auf permanente Erweiterung gestellt war und zunehmend auch auf Verbesserung der Welt.”

Die Ordnung des Wissens unter der Prämisse der Objektivität geht nunmehr in der Allwissenheit des World Wide Web auf. Dabei wird das absolute, statische Wissen, das sich durch seine Qualität definiert,  in einer Handlungsorientierung, die sich in Fragestellungen wiederfindet,  durch die Suchmaschinen aufgelöst und findet ihr Wahrheitskriterium in Prognosen statischer Wahrscheinlichkeit, “der arithmetisch erfassbaren Zahl der jeweiligen Benutzer.”

Während noch oft an dem traditionellen Bildungsanspruch festgehalten wird, sind die Folgen eines solchen quantifizierenden Wissens noch nicht abzusehen.

Startpage als alternative Suchmaschine

Simon Hurtz hat ein Interview mit Startpage-Chef Robert E.G. Beens durchgeführt. Süddeutsche Zeitung 29.06.20121 (hinter der Bezahlschranke)
Startpage als alternative Suchmaschine soll sich danach besonders durch den Datenschutz von anderen Suchmaschinen abheben. Die Suchergebnisse selbst werden von Google übernommen. “Google liefert uns nur die Ergebnisse, wir bezahlen sie dafür. Es fließen keine anderen Daten, wir tracken nicht, legen keine Profile an, speichern nichts.” Im Unterschied zu Google schaltet Startpage keine verhaltensbasierte, sondern nur kontextbezogene Werbung, d.h. es werden Anzeigen angezeigt, die sich direkt auf die Suchfrage beziehen.
Beens betont die Wichtigkeit des Datenschutzes für Suchmaschinen, aber  auch allgemein im Internet, wenn Datenpunkte gespeichert und zu Persönlichkeitsprofilen verknüpft werden. Die Nutzung alternativer Suchmaschinen oder Messenger sieht er als wichtigen Schritt an, um Firmen zu einem anderen Geschäftsmodell zu zwingen. 
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Startpage hat allerdings weder in dem Zugriff auf die Daten von Google noch in Sachen Datenschutz ein Alleinstellungsmerkmal. Die Evaluation von Suchmaschinen für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Zwecke bleibt nach wie vor eine wichtige Aufgabe.

Suchmaschinentest 2021 mit Known Item Search

Es gibt zahlreiche Suchmaschinentests, die sich häufig abstrakter Kriterien wie Datenschutz (oft nur anhand der Geschäftsbedingungen geprüft) bedienen oder aber eine Skalierung der Suchergebnisse behaupten, ohne die Suchen und Suchstrategien offenzulegen.
Der Historiker und Archivar Klaus Graf hat in seinem Blog Archivalia einen aktuellen Suchmaschinentest durchgeführt: “Großer Suchmaschinentest 2021: Alternativen zu Google?” 
Durchgeführt wurden 18 Suchaufgaben aus dem Bereich Geschichte, davon 3 aus dem eigenen Blog Archivalia und 3 Digitalisate. Die meisten können als Known Item Search eingeordnet werden, wobei er die beste Suchmaschine auch als “Bookmarkersatz” nutzt. Als Treffer wertet er teilweise nur, was auf Platz 1 der Trefferliste steht oder unter den ersten 5 Treffern erscheint. Graf kommt nach der Auswertung zu folgendem Ergebnis.
Google 180
Etools 180
Lukol 155
Startpage 125
Metager 90
Swisscows 90
Searchencrypt 80
Qwant 75
Bing 70
Duckduckgo 50
Erstaunlich ist vor allem das gute Abschneiden der Schweizer Suchmaschine Etools, Lukol und Startpage zehren von der Übernahme der Google Ergebnisse.
Eine Suchmaschine soll die fachlichen Bedürfnisse des Benutzers abdecken. Dass Graf diese operationalisiert und die Ergebnisse offenlegt, ist ein wichtiger Beitrag zur Evaluation von Suchmaschinen. Da es sich um Known Item Searches handelt und die fachliche Ausrichtung sehr speziell ist, kann dieses Ergebnis als wichtige Anregung, aber nicht als repräsentativ betrachtet werden. Evaluation von Suchmaschinen anhand von zusätzlichen Themen- , Fakten- und Produktrecherchen unter Einbeziehung von Recherchestrategien sind allerdings sehr schwierig durchzuführen.

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