Unter Baerbockologen (Wikipedia)

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Ergänzend zu den Analysen der englischsprachigen Wikipedia von Larry Sanger, Shuichi Tezuka and Linda A. Ashtear über die nicht mehr neutralen Artikel von Wikipedia zu bestimmten gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen schildern Simon Haas und Lucien Scherrer: Grüne Dominanz im «edit war»: Was Annalena Baerbocks Eintrag über Wikipedia aussagt, Neue Zürcher Zeitung 10.06.2912 die Edit Wars in Wikipedia über den biographischen Eintrag von Annalena Baerbock. Sie beschreiben, dass Wikipedia „ein fast makelloses Bild der grünen Politikerin zeichnet. Dies ist umso auffälliger, als bei anderen Politikern oft jede umstrittene Aussage und jedes potenziell fragwürdige Gebaren thematisiert wird.“ „Im Gegensatz zu Laschet und vielen anderen Spitzenpolitikern gibt es bei Baerbock nicht einmal die sonst üblichen Wikipedia-Rubriken «Kritik» oder «Positionen, Kontroversen und Rezeption.“ Bei der Nachzeichnung der Edit Wars kommen sie zu dem Ergebnis, dass Wikipedia Autoren, die Baerbock in Schutz nehmen, bis heute die „Deutungshoheit“ haben.

„Das zeigt die Diskussion über die Frage, ob Annalena Baerbock wie andere Politiker einen separaten «Kritik»-Abschnitt erhalten soll. Obwohl es seit August 2019 entsprechende Vorschläge gibt, haben die Fürsprecher der grünen Politikerin bisher fast alles verhindert. Dies unter anderem mit dem Argument, darüber müsse erst ein «Konsens» gefunden werden. Gleichzeitig versuchen sie, einen solchen Konsens mit langwierigen, sophistischen Debatten zu verhindern.

Dieses Verhaltensmuster erinnert wohl nicht zufällig an das Filibuster-Prinzip – eine aus den USA bekannte Taktik, die darauf abzielt, den politischen Gegner im Parlament mit endlosen Redebeiträgen am Reden zu hindern und zu zermürben. Oder, wie es ein in die Minderheit versetzter Wikipedia-Autor in Zusammenhang mit Baerbocks nicht gemeldeten Parteibeiträgen einmal ausdrückte: «Es geht breit durch die Presse, nur hier wartet man, bis keiner mehr davon redet.»“

Ist Wikipedia noch neutral?

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Larry Sanger, Wikipedia-Mitbegründer, hat im Mai 2020 in dem Artikel Wikipedia Is Badly Biased erklärt, dass Wikipedias neutraler Standpunkt tot ist: „Wikipedia’s “NPOV” is dead. The original policy long since forgotten, Wikipedia no longer has an effective neutrality policy. There is a rewritten policy, but it endorses the utterly bankrupt canard that journalists should avoid what they call “false balance. The notion that we should avoid “false balance” is directly contradictory to the original neutrality policy. As a result, even as journalists turn to opinion and activism, Wikipedia now touts controversial points of view on politics, religion, and science. Here are some examples from each of these subjects, which were easy to find, no hunting around. Many, many more could be given.“ Die Vermeidung des „falschen Gleichgewichts“ führt zu einer tendenziösen Darstellung von Sachverhalten, die er exemplarisch anhand folgender darstellt: Obama, Trump, Hillary Clinton, Abtreibung, Drogenlegalisierung, Christus, Erderwärmung, alternative Medizin. Er fordert, dass Wikipedia „sauber“ wird, also zumindest offen zugibt, dass Neutralität aufgegeben wurde. „It is time for Wikipedia to come clean and admit that it has abandoned NPOV (i.e., neutrality as a policy). At the very least they should admit that that they have redefined the term in a way that makes it utterly incompatible with its original notion of neutrality, which is the ordinary and common one. It might be better to embrace a “credibility” policy and admit that their notion of what is credible does, in fact, bias them against conservatism, traditional religiosity, and minority perspectives on science and medicine—to say nothing of many other topics on which Wikipedia has biases.“

Shuichi Tezuka and Linda A. Ashtear: The left-wing bias of Wikipedia. Is Wikipedia’s neutral point of view truly dead? The Critic 22.10.2020 legen eine vertiefende Analyse der englischsprachigen Wikipedia vor. Im Gegensatz zu der früheren Studie von S. Greenstein, Feng Zhu: Do Experts or Collective Intelligence Write with More Bias? Evidence from Encyclopædia Britannica and Wikipedia, Working Paper 2014, die sich auf Inhalt und Geschichte von Wikipedia-Artikeln konzentrierte, untersuchen sie die sozialen Mechanismus in der Wikipedia Community, insbesondere der Einordnung von Quellen und der Schiedsgerichtsbarkeit von kontroversen Fällen: „examining specific mechanisms that produce political bias in Wikipedia, with a focus on administrative decisions at the Arbitration Enforcement noticeboard. We also discuss how this bias ultimately affects the site’s content.“ Vorwiegend konservative und rechtsgerichtete Quellen werden als veraltet und nicht vertrauenswürdig eingestuft. Bei  der statistischen Analyse der Schiedsverfahren zu den Themen Trump, Waffenkontrolle, Rasse und Intelligenz, Abtreibung kommen sie zu dem Ergebnis: „editors who support views associated with the political right tend to receive disciplinary action more frequently than those who support views associated with the political left.“ Sie belegen darüber hinaus, dass sich dies auch in dem politischen Selbstverständnis der Redakteure niederschlägt, die explizit Neutralität aufgeben. Durch die sich dadurch ergebene Konstellation werden Falschinformationen und Hoaxes, die eigentlich mit dem eigenen politischen Standpunkt übereinstimmen, auch schwieriger und später entdeckt und führen zur Qualitätsminderung: „The principle illustrated by this series of events is that members of Wikipedia are far less likely to notice and remove vandalism or hoax material if it is in support of a viewpoint that they agree with. (This is true of all viewpoints, both left-leaning and right-leaning.) While this particular example was more severe than most, the same principle also applies to more subtle violations of Wikipedia’s content policies, such as article text not adequately supported by the sources it cites. When Wikipedia’s administrators suppress one side of a dispute in a controversial topic, one of the long-term results is that policy violations favourable to the opposite side may be overlooked for months or years.“

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass Neutralität nur durch Reformen von Wikipedia wieder hergestellt werden könnte. Der Anspruch der Neutralität wird aber wahrscheinlich nur formal aufrechterhalten, aber inhaltlich nicht mehr gefüllt: „There are three possible outcomes, and one is for Wikipedia or the WMF to implement reforms protecting the viewpoint diversity necessary for its core policies to be upheld. A second option is for these policies to be officially overturned, although it is unlikely the Wikipedia community would agree to a change on that scale. The final possibility, and perhaps the most likely, is the one predicted by Larry Sanger: that these policies will remain on the books, with perhaps a few half-hearted attempts at reform, but that in the long term they will come to be understood as unenforceable.“

Mit Wikipedia zur Religion der Mandarine

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Hierzulande wagt man es noch nicht so offen auszusprechen, wie z.B. der amerikanische Politikwissenschaftler und Philosoph Jason Brennan (Buch: „Gegen Demokratie“) es tut, der für eine Epistokratie, eine sogenannte Philosophenherrschaft eintritt, in der nur noch gebildete, politisch informierte Bürger wählen dürfen: Die Leute sind einfach zu blöde für die Demokratie. Brennan muss allerdings offen lassen, wie die Epistokraten auserwählt werden sollen.
Thomas Grundmann: Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen. Wem glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste, in: FAZ 09.10.2020 versucht dies geschickter anzugehen, indem er die Grundlagen für eine neue Religion der Mandarine legt. Eine moderne, eine säkulare Religion, weil „geglaubt“ werden soll, die Frage ist nur, an wen?
Zunächst stellt er fest, dass der Coronavirus die Gesellschaft „massives Erkenntnisproblem“ stellt. Wir brauchen „eindeutige“ Stellungnahmen, bekommen aber unterschiedliche Einschätzungen von Experten. „Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?“ Ganz einfach: die „Laiin“ macht einen Schnellcheck bei Wikipedia, dem man „in der Regel trauen“ kann. Grundmann entwirft sein Idealbild eines idealen Experten, der einschlägig, spezialisiert, kompetent , nicht befangen, ohne handwerkliche Fehler ist, aktiv forscht und in anerkannten Fachzeitschriften regelmäßig veröffentlicht und – dies ist der wichtigste Punkt – dabei immer die Mehrheitsmeinung vertritt.
Zunächst ist festzuhalten:  Für die Recherche nach Informationen und ihre Evaluation sind Techniken und Strategien der Informationswiedergewinnung (Information Retrieval) entwickelt worden, die zu den Kulturtechniken des digitalen Zeitalters gehören. Sie auf die Abfrage von Wikipedia zu reduzieren, ist gefährlich und fahrlässig. So wertvoll im Alltag ein erster Blick auf Wikipedia ist, ist es als kollaboratives Werkzeug nicht nur vom Bearbeitungsprozess, sondern gerade bei kontroversen Themen von Problemen der internen Abstimmung und der Fähigkeit, Manipulationen abzuwehren, abhängig. Hinzu kommen interessengesteuerte externe Eingriffe in Wikipedia. Hier ist nicht der Platz, detailliert darauf einzugehen. Für die USA verweise ich auf die investigative Bloggerin Helen Buyniski, die derartige Fälle  dokumentiert hat und sich sogar 2018 zu einem emphatischen „J’accuse“ hinreißen ließ. Wikipedia Inhalte können heuristisch verarbeitet, müssen aber bei kontroversen Themen extern verifiziert werden.
Der Kern aber ist: mit dem Versuch, mediale Hegemonie durch Glauben an die  Experten der Mehrheitsmeinung zu sichern, ist die Religion der Mandarine entworfen.
Zur Erinnerung Immanuel Kant: Was ist Aufklärung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“