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Corona App: Scheitern und Schuld

Eine Corona App soll den Zeitraum zwischen dem Auftreten erster Krankheitssymptome bei einer Person und dem Tracking ihrer Kontakte, die sie angesteckt haben könnte, durch die Amtsärzte verkürzen. Die institutionelle Disziplinierung und Regulierung der Körper reicht hier nicht aus. Foucault hat beschrieben, wie die Disziplinarmacht nicht nur von außen durch Institutionen, sondern auch von innen als Selbstdisziplinierung wirkt.

Ein geeignetes Handy liegt vor, die App ist von der betroffenen Person installiert und immer eingeschaltet. Ziel ist es, festzustellen, ob ein Abstand zwischen Menschen, der eine existentielle Schutzfunktion hat, durchbrochen wurde. Eine andere Person hat diese Schutzzone verletzt und ihre Viren dringen in den eigenen Körper ein.

Nachdem sie von ihrer Infektion durch Test erfahren hat, soll sich die betroffene Person als Opfer outen – und gleichzeitig Täter sein, der seine Kontakte identifiziert und im positiven Handeln negative Folgen hervorruft: Die meisten Kontakte sind Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen, die sich nach ihrer Identifizierung in Quarantäne begeben sollen und soziale, berufliche und finanzielle Nachteile erleiden.

Sie befindet sich in einer Double-Bind-Situation, in der widersprüchliche Zielsetzungen verfolgt werden.

Es wundert nicht, dass die Download-Akzeptanz einer derartigen App der Bevölkerung in verschiedenen Ländern zwischen 20 und maximal 50 Prozent liegt.

Der Online-Journalist Tomas Pueyo hat die Erfolgschancen in dem Beitrag „Coronavirus: Wie effektives Testen und Kontaktverfolgung funktionieren“  in medium.com anhand der Download-Daten von Singapur von 32 Prozent für ein Opt-In Verfahren durchgespielt und kommt zu einer Rückkopplungsrate von 1 Prozent (siehe dazu Chart 27a). Selbst wenn man andere Parameter in seiner Matrix, die er zur Kalkulation anbietet, einsetzt, kommt man nicht annähernd auf 50 Prozent.

Nur ein Opt-Out Verfahren, bei dem automatisch die App installiert und aktiv gehalten wird und im Infektionsfall die Informationskette nicht von der betroffenen Person ausgelöst wird, würde zu einem Prozentsatz von über 80% und damit einer effektiven Eindämmung der Sars-CoV-2-Pandemie führen. Dies würde eine zeitlich und sachlich begrenzte Einschränkung des Datenschutzes beinhalten, ebenso wie andere Grundrechte eingeschränkt worden sind.

Es wäre notwendig, die realistischen Chancen einer Opt-In-App und einer Opt-Out-App zu vergleichen.

Die Alternative zu einem Opt-Out-Verfahren wäre Datamining, das über die bisherigen isolierten Kurvendaten hinausgeht und Daten auf den verschiedensten Ebenen vernetzt: Flächendeckende Analyse der Abwässer nach Sars-CoV-2, um zeitig Hotspots zu identifizieren; lokale Daten der Erkrankten in Geoinformationssystemen bis auf die detaillierteste Ebene, um Cluster zu entdecken (was schon John Snow bei der Cholera -Epidemie 1854 in London getan hat, heute aber nicht mehr möglich scheint); Modellierung von Bewegungen nach Alter, Geschlecht, Beruf, Lokaldaten und ihre Verknüpfung mit Mobilitätsdaten usw.

Stattdessen beschränkt sich die Diskussion auf den Unterschied zentrale – dezentrale Speicherung der Daten. Die Gegner einer zentralen Speicherung zeichnen eine Dämonisierung des Staates, als ob im Rechtsstaat die Zwecke einer zentralen Speicherung institutionell und rechtlich nicht effektiv festgelegt und eingehegt werden könnten.

Die dezentrale – allerdings auch die zentrale – Lösung verdrängt die schon vorhandenen Bedrohungen: die exzessive Sammelwut von Daten und Profilen durch Google und Apple; die globale und verdachtsunabhängige Speicherung der Telekommunikation durch Geheimdienste; die Identifizierung der Nutzer durch die Konfigurationsdaten von Hard- und Software und den Rhythmus der Materialkontakte.

Es bleibt der Kultus eines imaginären Körperbildes, das keine Probleme löst, aber Schuld zuweist: Der verletzliche Leib, der vor dem totalen Staat (der aufgrund des mangelnden Vertrauens allein für das Scheitern der Opt-In-Lösung verantwortlich sein wird) geschützt werden muss. Problem ist nur, dass sich ein Anderer, ein autonom und dezentral agierendes, unscheinbares Virus auf den realen Körper zugreifen möchte.