Ist Wikipedia noch neutral?

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Larry Sanger, Wikipedia-Mitbegründer, hat im Mai 2020 in dem Artikel Wikipedia Is Badly Biased erklärt, dass Wikipedias neutraler Standpunkt tot ist: „Wikipedia’s “NPOV” is dead. The original policy long since forgotten, Wikipedia no longer has an effective neutrality policy. There is a rewritten policy, but it endorses the utterly bankrupt canard that journalists should avoid what they call “false balance. The notion that we should avoid “false balance” is directly contradictory to the original neutrality policy. As a result, even as journalists turn to opinion and activism, Wikipedia now touts controversial points of view on politics, religion, and science. Here are some examples from each of these subjects, which were easy to find, no hunting around. Many, many more could be given.“ Die Vermeidung des „falschen Gleichgewichts“ führt zu einer tendenziösen Darstellung von Sachverhalten, die er exemplarisch anhand folgender darstellt: Obama, Trump, Hillary Clinton, Abtreibung, Drogenlegalisierung, Christus, Erderwärmung, alternative Medizin. Er fordert, dass Wikipedia „sauber“ wird, also zumindest offen zugibt, dass Neutralität aufgegeben wurde. „It is time for Wikipedia to come clean and admit that it has abandoned NPOV (i.e., neutrality as a policy). At the very least they should admit that that they have redefined the term in a way that makes it utterly incompatible with its original notion of neutrality, which is the ordinary and common one. It might be better to embrace a “credibility” policy and admit that their notion of what is credible does, in fact, bias them against conservatism, traditional religiosity, and minority perspectives on science and medicine—to say nothing of many other topics on which Wikipedia has biases.“

Shuichi Tezuka and Linda A. Ashtear: The left-wing bias of Wikipedia. Is Wikipedia’s neutral point of view truly dead? The Critic 22.10.2020 legen eine vertiefende Analyse der englischsprachigen Wikipedia vor. Im Gegensatz zu der früheren Studie von S. Greenstein, Feng Zhu: Do Experts or Collective Intelligence Write with More Bias? Evidence from Encyclopædia Britannica and Wikipedia, Working Paper 2014, die sich auf Inhalt und Geschichte von Wikipedia-Artikeln konzentrierte, untersuchen sie die sozialen Mechanismus in der Wikipedia Community, insbesondere der Einordnung von Quellen und der Schiedsgerichtsbarkeit von kontroversen Fällen: „examining specific mechanisms that produce political bias in Wikipedia, with a focus on administrative decisions at the Arbitration Enforcement noticeboard. We also discuss how this bias ultimately affects the site’s content.“ Vorwiegend konservative und rechtsgerichtete Quellen werden als veraltet und nicht vertrauenswürdig eingestuft. Bei  der statistischen Analyse der Schiedsverfahren zu den Themen Trump, Waffenkontrolle, Rasse und Intelligenz, Abtreibung kommen sie zu dem Ergebnis: „editors who support views associated with the political right tend to receive disciplinary action more frequently than those who support views associated with the political left.“ Sie belegen darüber hinaus, dass sich dies auch in dem politischen Selbstverständnis der Redakteure niederschlägt, die explizit Neutralität aufgeben. Durch die sich dadurch ergebene Konstellation werden Falschinformationen und Hoaxes, die eigentlich mit dem eigenen politischen Standpunkt übereinstimmen, auch schwieriger und später entdeckt und führen zur Qualitätsminderung: „The principle illustrated by this series of events is that members of Wikipedia are far less likely to notice and remove vandalism or hoax material if it is in support of a viewpoint that they agree with. (This is true of all viewpoints, both left-leaning and right-leaning.) While this particular example was more severe than most, the same principle also applies to more subtle violations of Wikipedia’s content policies, such as article text not adequately supported by the sources it cites. When Wikipedia’s administrators suppress one side of a dispute in a controversial topic, one of the long-term results is that policy violations favourable to the opposite side may be overlooked for months or years.“

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass Neutralität nur durch Reformen von Wikipedia wieder hergestellt werden könnte. Der Anspruch der Neutralität wird aber wahrscheinlich nur formal aufrechterhalten, aber inhaltlich nicht mehr gefüllt: „There are three possible outcomes, and one is for Wikipedia or the WMF to implement reforms protecting the viewpoint diversity necessary for its core policies to be upheld. A second option is for these policies to be officially overturned, although it is unlikely the Wikipedia community would agree to a change on that scale. The final possibility, and perhaps the most likely, is the one predicted by Larry Sanger: that these policies will remain on the books, with perhaps a few half-hearted attempts at reform, but that in the long term they will come to be understood as unenforceable.“

Europäischer Suchindex

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Nick Schilken: Europäischer Suchindex – nachhaltig zur Google-Alternative, digitalcourage 16.03.2021 beschreibt die Notwendigkeit eines Europäischen Suchindex.
„1. Europa wäre nicht mehr darauf angewiesen, auf Indizes aus USA, Russland und China zuzugreifen – somit wird die Souveränität gestärkt.
2. Europäische Gesetze und Werte bilden den Rahmen für den Suchindex und somit auch für Suchmaschinen und andere Produkte, die auf ihm aufbauen. Eine Vielfalt an Suchmaschinen ist förderlich für die Demokratie weltweit.
3. Es gibt die Möglichkeit für neue Geschäftsmodelle von Suchmaschinen, die nicht „pseudo-gratis im Tausch gegen Nutzerdaten“ sind. Nutzer.innen könnten zum Beispiel Suchmaschinen ihrer Wahl – per Abo, als Genossenschaft oder durch Spenden – finanzieren.
4. Die EU kann sicherstellen, dass der Index zu fairen Konditionen nutzbar ist und dass ein gesunder Wettbewerb stattfindet.
5. Wir verlassen uns momentan auf einzelne Suchmaschinen, die uns keinen Einblick in den Aufbau ihrer Suchalgorithmen und Datensammlungen erlauben. Dadurch wird Manipulation und Missbrauch ermöglicht.
6. Der Zugang zu Daten, Informationen und Wissen kann momentan gemäß wirtschaftlichen oder politischen Interessen des jeweiligen Anbieters eingeschränkt werden.“

Der Index sollte möglichst alle Inhalte des Web umfassen und allen Zugriff ermöglichen. Des Weiteren sollte er am besten durch die EU finanziert, jedoch staatsfern und unabhängig organisiert werden, um einseitige politische Einflussnahme zu vermeiden. Dementsprechend sollten auch die AGB gestaltet werden. Der Aufbau eines offenen Suchindex stellt demnach eine Infrastrukturaufgabe dar, die für die Trennung von öffentlich finanzierter Infrastruktur und privatwirtschaftlich betriebenen Diensten sorgt. Diese Infrastruktur lässt sich vergleichen mit Stromnetzen oder Straßen, die grundsätzlich zu Privatzwecken, aber auch zu unternehmerischen Zwecken genutzt werden dürfen. Die Verantwortung, einen sicheren und fairen Zugang zu schaffen, bleibt jedoch Aufgabe des Staates beziehungsweise der europäischen Staaten.“

Weiterführende Links und Quellen werden im Anhang aufgeführt.

Paradise lost

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Die Vertreibung aus dem digitalen Paradies

Digitale Teilhabe bedeutet, dass man die Dienstleistungen verschiedener Anbieter im digitalen Raum in Anspruch nehmen kann. Google, Facebook, Microsoft, Apple stehen hier exemplarisch für Dienstleister, mit denen ein privatrechtlicher Vertrag geschlossen wird, in dem  deren Teilnahmebedingungen anerkannt werden müssen. Dabei ist oft unklar, ob die dort gespeicherten Daten den Diensten übertragen wurden, also mit den zur Verfügung gestellten Diensten verknüpft sind, oder ob sie noch dem Urheber gehören. Diese Frage stellt sich unabhängig davon, ob dem Benutzer ein Export seiner Daten mit den Mitteln der Software des Dienstes gestattet wird. Auch eine teilweise und zeitweise Lizenzierung, wie Facebook es fordert („Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, unentgeltliche, weltweite Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löscht, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben sie nicht gelöscht.“)  ist nur Teil des Problems. Was ist, wenn die Mails, Daten und Multimediadaten nur dort gesichert sind, weil man sie dort – etwa in der Cloud – sicher wähnte oder von verschiedenen Endgeräten nutzen wollte.

Inzwischen häufen sich Fälle, in denen Benutzer aus teilweise nicht ersichtlichen Kriterien von den Diensten ausgeschlossen werden. Dabei ist der Zugriff nicht nur auf die Dienste, sondern auch auf die persönlichen gespeicherten Daten (Mails, Dokumente, Bilder usw.) gesperrt. Im schlimmsten Fall droht ein Verlust der kompletten digitalen Identität mit allen Folgen in der analogen Welt. Gesperrt wird augenscheinlich durch Bots, gegen deren Entscheidung kaum Gegenwehr möglich ist. „Die mächtigsten und reichsten Kommunikationsplattformen der Welt bieten kaum Kommunikationskanäle für Menschen, denen der Zugang zu dieser Infrastruktur verwehrt wird.“ 
Die Folgerung kann nur sein, dass man alle wichtigen Mails und Dokumente zusätzlich zur Speicherung in der Cloud lokal sichert.

Simon Hurtz: Und plötzlich ist das Online-Konto weg. Millionen Menschen legen ihr digitales Leben in die Hände von Facebook oder Google. Wenn die Plattformen den Zugriff sperren, beginnt für viele Betroffene ein Albtraum. Süddeutsche Zeitung 24.03.2921

Jens Berger: Ausgeschlossen aus der schönen neuen Welt Nachdenkseiten 19.03.2021

Günter Born: Digitale Amnesie durch willkürliche Kontensperrungen. Viele Microsoft-Dienste lassen sich nur mit einem Microsoft-Konto verwenden. Sperrt Microsoft ein Konto, wird die digitale Identität, die daran hängt, ausradiert. Für die Betroffenen gibt es keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Golem 18.08.2020

Jens Herforth: Google Account wurde deaktiviert – In diesem Fall zu Unrecht geschehen Giga 21.03.2013

Rolf Schwartmann: Titanic-Magazin nicht mehr im Play-Store: Von der Google-Knute befreit. web.de 17.02.2021

TITANIC verlässt den Google-„Play Store“ Pressemitteilung 15.02.2021

Corona: Physikalische oder soziologische Modelle

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Sind die Modelle der Physik und Mathematik, die zur Zeit fast allein als wissenschaftliche Orientierung in der Corona-Pandemie dienen und scheinbar exakte Antworten liefern, zur Orientierung in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion geeignet oder müssen die Sozialwissenschaften ihre Erkenntnisse und Analysen einbringen? Diese Frage stellt – hinter der Bezahlschranke – Wolfgang Streek, Soziologe und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Wolfgang Streek: Welchen Wissenschaftlern folgen wir in der Pandemie? FAZ 11.01.20121

Der Soziologe Andreas Dieckmann: Gegen den Blindflug. Coronakrise. Um die Effekte der politischen Entscheidungen zu überprüfen, braucht es derzeit vor allem valide Daten. Liefern könnte diese die empirische Sozialwissenschaft, Der Freitag 30.03.2020 hat schon im März ein entsprechendes sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm entworfen.
Dieckmann verzichtet zwar schon im vorhinein auf Datamining. „Trotz Unmengen von Big Data wissen wir hingegen wenig über die Verbreitung des Virus.“ Der Verzicht auf diese wichtige Quelle zeigt, dass auch die Soziologie ein digitales Defizit hat. Immerhin bleiben die klassischen Instrumente der empirischen Sozialforschung: „Es gibt in der Statistik und Umfrageforschung aber ein probates Mittel, um solche Informationen zu gewinnen: Wenn Katastrophen passieren, politische Ereignisse eintreten oder Wahlen geplant sind, können Umfrageinstitute sehr schnell Meinungen, Reaktionen und Wahlabsichten anhand einer repräsentativen Stichprobe erheben. Diese Methoden der empirischen Sozialforschung sollte man jetzt einsetzen. Um wirklich verlässliche Daten zu gewinnen, wäre es sinnvoll, eine größere Zufallsstichprobe von Personen aus den Gemeinderegistern zu ziehen, diese auf das Virus testen und in einer kurzen telefonischen oder schriftlichen Befragung Angaben zu demografischen Merkmalen, Mobilität und sozialen Netzwerken einholen.“ Aber selbst von diesem vielsprechenden Konzept, das sich an die Gesundheitsstudie „Nationale Kohorte“ (NAKO) anlehnen sollte, ist weit und breit nichts zu sehen.
(Nachtrag: In der ZEIT vom 04.02.2021 Papierausgabe beschreibt Katharina Menne: Wo wir uns anstecken, weiß kein Mensch. Warum wissen wir auch ein Jahr nach der Pandemie immer noch so wenig über das Virus und seine Verbreitung, dass die vom RKI erhobenen Daten  meist unvollständig, nicht repräsentativ sind und nur eine Momentaufnahme zeigen. Nur eine langfristig angelegte Kohortenstudie mit großen und regelmäßigen Stichproben könnten die Zusammenhänge „zwischen Lebensumständen und Ansteckungsrisiko ableiten“ . 
„Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen, hat schon früh eine solche Studie gefordert. ‚Wir haben auf direkten und indirekten Wegen versucht, die Landesregierung NRW, das Bundesgesundheitsministerium und das RKI im März 2020 darauf aufmerksam zu machen, dass wir eine solche Studie brauchen‘, sagt er. ‚Aber wir haben bis heute keine Antwort erhalten, nicht mal eine Absage oder eine Begründung, warum es nicht von Interesse ist.‘ “ (siehe dazu auch: Rainer Schnell, Menno Smid, Horst Müller-Peters, Anke Müller-Peters: Stichproben für die COVID-19 Forschung, in: Marktforschung  27.05.2020)
Gibt es eine derartige Kohortenstudie oder ist sie geplant? Es gibt NICHTS.)

Udo Thiedeke: Der stille Frühling der Soziologie. Wie die Corona-Krise Gewissheiten der Soziologie herausfordert, in: Hypotheses 14.04.2020 beschreibt die Herausforderungen:
Und noch etwas drängt sich einer in die Mikroperspektiven weltkonstruierender Subjekte vertieften Soziologie ins Blickfeld. Mit einem Mal sind auch die vergessenen „soziale[n] Tatsachen“ (Durkheim 1976) wieder aktuell.
Die institutionellen Handlungs- und Verhaltensorientierungen stellen nicht nur „Narrative“ dar, die man in „Sprachspielen“ mittels „Diskurskritik“ einhegen kann. Sie offenbaren ihren Zwangscharakter konkret und kollektiv und werden in ihrer Macht wirksam, die subjektive Praktiken und Routinen übergreift.“
„Vielleicht sollte also auch die Soziologie die Krise in ihren Besonderheiten als Chance sehen, nicht nur die sozialen Veränderungen mit zu protokollieren, Daten zu „erheben“ und dann mit den allzu bewährten Ansätzen zu interpretieren. Es wäre an der Zeit neue, zumal theoretische, soziologische Konzepte zu entwickeln, die in der Lage sind, die Auswirkungen gesellschaftsübergreifender Entwicklungen als soziale Tatsachen auch für die Individuen mit ihren nur relativen Autonomiemöglichkeiten zu erfassen. Das aber müsste zweifellos in einer zeitgemäßen Form, nämlich kontingenzsensibel und komplexitätstauglich geschehen.“

Allerdings gibt es durchaus zahlreiche sozialwissenschaftliche Analysen zur Gesellschaft in Pandemie-Zeiten. Anbei einige Hinweise, weitere lassen sich in Google Scholar und verschiedenen Datenbanken und Suchmaschinen finden:
Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie: Corona-Krise
American Sociological Assocation: Sociologists and Sociology During COVID-19
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise
Soziopolis: Soziologisches zur Pandemie
– Die über 200 Open Source Dokumente des Social Science Open Access Repository  (SSOAR) (Suchbegriff Covid 19) 
– Das Buch Michael Volkmer / Karin Werner (Hg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft, Transcript Verlag 2020 
– Das Buch Fiorenza Gamba, Marco Nardone, Toni Ricciardi, Sandro Cattacin (Hrsg.): COVID-19. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive, Seismo 2020 

Natürlich setzen die Sozialwissenschaften selbst mathematische Modelle ein. Aber weder werden diese noch die Mittel der empirischen Sozialforschung genutzt, noch die mathematischen Modelle kritisch untersucht. 

Es verbleibt das Bild der Gesellschaft als einer Ansammlung von Individuen mit ihren verletzlichen Körpern. Das merkwürdige Zusammenfinden und Verhalten der Menschen wird nur mit Augen eines Virus gesehen. Die RNA des Coronavirus kann nur aus dem Reich der Untoten erwachen, wenn es auf eine lebendige Zelle trifft. Durch die Verhinderung, dass das Virus von einem Individuum zum nächsten springt, ergibt sich die Fokussierung auf das egalitäre und zu klassifizierende Individuum, auf das die physikalischen und mathematischen Modelle setzen.
„Das Standardmodell zur Beschreibung der Dynamik einer Epidemie ist das sogenannte SIRD-Modell. Es unterscheidet in einer statistischen Gesamtheit (z.B. die Einwohner Deutschlands) vier Gruppen von Personen: prinzipiell Empfängliche, die sich mit einer Krankheit anstecken können (S für engl. Susceptible), Kranke bzw. Infizierte (I für engl. Infected oder Ill), Genesene (R für engl. Recovered) und Verstorbene (D für engl. Deceased oder Died). Um nun die Dynamik einer Epidemie zu beschreiben, muss man die Veränderungen der Anzahlen dieser vier genannten Gruppen zunächst einmal verstehen, dann durch Gleichungen beschreiben und schließlich mit einem Modell der numerischen Mathematik lösen. „
Der Einsatz mathematischer Modelle in der Corona-Krise 
Daraus erwächst eine Korrelation zwischen dem klassifizierten Zustand der Individuen im Verhältnis zur Gesamtzahl.
In dieses Analyse- und Handlungsmodell passen die Alten- und Pflegeheime als Heterotopien (Foucault) nicht. Als weder öffentlicher noch privater Raum mit eigenen Zugangsritualen gilt hier nicht das Konzept autonomer verletzlicher Körper, die für ihre Infektion eigenverantwortlich einzustehen haben. Der unzureichende Schutz dieser Institutionen, denen man trotz hoher Sterbezahlen verspätet und nur auf Drängen einige Masken und Tests zuteilt, geht darauf zurück, dass sich anderenfalls die Frage stellt: Wenn man hier einen sozialen Raum mit seinen Gesetzmäßigkeiten und Verhaltensweisen kausal identifiziert und entsprechend schützt, warum macht man es nicht mit anderen sozialen Räumen und Prozessen der Gesellschaft? Die Aggressivität, die jedem entgegenschlägt, der fordert, Risikogruppen gesondert zu schützen, hängt auch damit zusammen, dass nicht nur das Konzept in Frage gestellt wird. Sondern man weiß auch nichts von den Strukturen und will auch nichts wissen.
Das Fatale ist nur, dass die wissenschaftlich-technische Ästhetik der Statistiken einerseits die Vision der Kontrolle, aber andererseits auch die Quelle von Skeptizismus, Verleugnung und Verschwörung enthält.
So entsteht aus der Phantasmagorie der Gesellschaft als Klumpenhaufen von Individuen, der Herrschaft der Korrelation, der Ästhetik der Statistiken, der Priorisierung des Datenschutzes, der Lobpreisung mathematischer Modelle, der dystopischen Darstellung der Pandemie – und der Leugnung, der Hingabe an Verschwörungsmythen andererseits, aus Glauben, Meinen und Wähnen ein „stahlhartes Gehäuse“ (Max Weber).
Es wird später sozialwissenschaftlich zu untersuchen sein, warum eine Gesellschaft lieber ihr Shutdown riskiert, statt alle Instrumente, alle Daten, alle digitalen Kontrollmöglichkeiten, alle Modelle aller Wissenschaften einzubeziehen, um aufgrund der Erkenntnis kausaler Strukturen in einer solchen gefährlichen Pandemie zu handeln.

Coronavirus: die Hölle der Normalverteilung
Informationen und Quellen zu COVID-19
Corona App: Scheitern und Schuld
CORD-19: The Covid-19 Open Research Database
Covid-19: KI produziert Datenmüll
Covid-19 Impfstoffe
Covid-19 Test

Darknet als unregulierter Markt

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In einem Interview Christin Severin mit Florian Schütz: “Das Darknet funktioniert wie ein komplett unregulierter Markt“, in: Neue Zürcher Zeitung 27.01.2021 werden die wirtschaftlichen Mechanismen des Darknet beschrieben. Eigentlich funktionieren effizient funktionierende Märkte nur reguliert. Das Darknet hat im Gegensatz dazu Mechanismen sozial kontrollierter Unregulierung entwickelt.
„Spannend ist, dass das Darknet als komplett unregulierter Markt funktioniert. Die Kriminellen sind unter sich anonym. Sie haben aber Rufnamen, nach denen sie identifizierbar sind. Zudem gibt es Käuferbewertungen. Der Käufer weiss, wenn er etwas kauft und nichts bekommt, ist sein Geld trotzdem weg. Es gibt keine Instanz, wo er das Geld wiederbekommt. Deshalb ist die Reputation wichtig.“
Dabei gibt es neben der Reputation im wesentlichen zwei Elemente, die das Geschäftsmodell absichern:
„Escrow-Services, bei denen das Geld zunächst an eine als vertrauenswürdig erachtete dritte Partei gezahlt wird“
– Level-Systeme, bei denen ein neuer Käufer zunächst die weniger interessanten Angebote sieht, und sich erst durch zahlreiche Käufer auf ein Vertrauensniveau der wichtigen Angebote hochkaufen muss.
Diese Mechanismen greifen relativ gut bei Massenverkäufen wie Drogen, bei denen der zufriedene Käufer wiederkommen kann.
„Bei Waffen wird es schon schwieriger. Bei der wirklich groben Kriminalität wie Auftragsmorden geht häufig nichts. Da funktionieren die traditionellen kriminellen Methoden wahrscheinlich effizienter.“

Manipulation in sozialen Medien: die Stratcom/ NATO Untersuchungen

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Das Strategic Communication Centre of Excellence (Stratcom) der NATO hat sich in zwei Studien mit der Manipulation in sozialen Medien beschäftigt:
2019: Falling Behind: How Social Media Companies are Failing to Combat Inauthentic Behaviour Online
2020: Social Media Manipulation Report 2020. How Social Media Companies are failing to combat inauthentic behaviour online
In beiden Experimenten wurden reale Social-Media-Konten dazu genommen, sie mit für Fake News und Kommentaren zu fluten.
„To test the ability of Social Media Companies to identify and remove manipulation, we bought engagement on 105 different posts on Facebook, Instagram, Twitter, and YouTube using 11 Russian and 5 European (1 Polish, 2 German, 1 French, 1 Italian) social media manipulation service providers.
At a cost of just 300 EUR, we bought 3 530 comments, 25 750 likes, 20 000 views, and 5 100 followers. By studying the accounts that delivered the purchased manipulation, we were able to dentify 18 739 accounts used to manipulate social media platforms.“
In einem zweiten Schritt wurden diese Fake-Meldungen an die Sozialen Medien gemeldet. Selbst nach mehreren Wochen waren die Einträge nicht entfernt. Während Twitter und Facebook noch reagiert haben, sind Youtube und besonders Tiktok völlig schutzlos. Die Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis: „Self-regulation is not working. The manipulation industry is growing year by year. We see no sign that it is becoming substantially more expensive or more difficult to conduct widespread social media manipulation.“
Stratcom empfiehlt daher, nicht nur die sozialen Medien zu regulieren, sondern insbesondere den Markt für die Medien-Manipulation:
„1. Setting new standards and requiring reporting based on more meaningful criteria
2. Establishing independent and well-resourced oversight of the social media platforms
3. Increasing the transparency of the social media platforms
4. Regulating the market for social media manipulation“

Das Dilemma der Algorithmen und Daten

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Kai Burkhardt, Kamala Harris. Die Frau, die Google und Facebook zerschlagen kann – wenn sie will, Die Welt 14.12. (hinter der Bezahlschranke) beschreibt, dass Harris aufgrund ihrer Kenntnisse der Tech-Firmen in Kalifornien in der Lage sein könnte, die Internetkonzerne zu deregulieren.

Zunächst geht er davon aus, dass die gesellschaftlichen Schäden, die insbesondere Social Media durch die Methoden der Nutzerführung und Manipulation erzeugt haben, „nicht mehr ohne Weiteres zu reparieren“ sind. „Die politischen Identitäten, die sich in den Resonanzräumen der Internetkonzerne gebildet haben, werden auch nicht einfach in den politischen Mainstream zurückkehren.“
Wer aber könnte die technischen und finanziellen Mittel verfügen, um diesen Prozess zu korrigieren, wenn nicht die Verursacher, die Internetkonzerne selbst? Die verschiedenen Aspekte dieses Dilemmas werden analysiert.
Programmierer zeichnen sich aufgrund ihrer Biographie in der Regel nicht durch gesellschaftliche Empathie aus. Ihre Produkte, die „Algorithmen sind nichts anders als die Verallgemeinerung von Hypothesen und Vorurteilen in den Köpfen von Programmieren.“ Der Programmcode zeigt sich letztlich an den Ergebnissen, der Code selbst aber kann kaum ohne Hilfe künstlicher Intelligenz darauf geprüft werden, was er nicht oder zur Zeit nicht liefert und was er in anderen Konstellationen liefern könnte. „Künstliche Intelligenz kann aufgrund ihrer schieren Komplexität also wiederum nur von einer anderen Künstlichen Intelligenz untersucht werden und da beißt sich nun die Katze in den Schwanz, denn das Ergebnis einer Simulation kann nicht simuliert werden.“ Aber selbst wenn dies gelänge, wären Algorithmen ohne Daten wertlos. Jenseits der von den Internetfirmen selbst erhobenen Daten gerät der Umgang mit Daten durch die Datamining-Firmen, die jegliche Arten von Daten zu Profilen verknüpfen, in eine neue Dimension. Burkhardt sieht eine Chance in einem zentralen „Open-Source-Katasteramt“, „das Datensätze nicht nur verwaltet, sondern auch erforscht und beschreibt, bevor sie an Dritte weitergegeben werden.“ Es wäre möglich, dass sich die Internetkonzerne unter dem politischen Druck einer Zerschlagung ihrer Konzernstrukturen in die Richtung eines anderen Umgangs mit Daten bewegen.

Antinomien der Faktenchecks

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Adrian Lobe, Auch Faktenprüfer machen Fehler. Social-Media-Plattformen unterziehen Beiträge einem Faktencheck. Doch wer kontrolliert die Prüfinstanz?, Neue Zürcher Zeitung 16.11.2010 Papierausgabe untersucht die Antinomien der Faktenprüfung. Nach der Darstellung von Beispielen der Faktenprüfung bei Facebook und Twitter stellt er fest, dass die Prüfprozesse nicht genügend transparent und nachvollziehbar, vor allem aber kaum korrigierbar sind, weil der als falsch markierte Eintrag im Newsfeed herabgesetzt und der Aufmerksamkeit entzogen wird. „Der apodiktische Hinweis ‚Falsche Informationen – geprüft von unabhängigen Faktencheckern suggeriert, dass der Prüfprozess abgeschlossen sei. Zwar kann man sich den Grund anzeigen lassen. Doch gibt es keine Möglichkeit, dieses Urteil anzufechten oder zu revidieren. Das Prüfsiegel kommt mit einem Absolutheitsanspruch daher, als würde Facebook letztinstanzlich über Fakten richten.“ Er zeigt Besonderheiten der Faktenprüfung auf: Satire als Falschnachricht, in der „das Wahre sich gewissermaßen im Unwahren, Übertriebenen ausdrückt“; der Unterschied der Wertung der Tatsachen eines Posts und den dort referierten Äusserungen Dritter; der Wertung eines wahren Berichts über die falschen Aussagen eines Politikers.

Er kommt zu dem Ergebnis: „Das Problem der Faktenchecks besteht darin, dass die Tatsachenprüfung häufig eine Meinungsäußerung darstellt, die im Gewand der Faktizität die Geltung einer ‚richtigen‘ Meinung beansprucht. So tragen die Faktenchecks am Ende selbst zu einer Politisierung von Fakten bei, die sie eigentlich vermeiden wollten.“

Seine Hoffnung auf eine „vernunftgeleitete Debatte“ enthält allerdings selbst eine Antinomie, denn die Faktenprüfung ist aus der Notwendigkeit entstanden, dass diese eben nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist, die Faktenprüfung aber wiederum diese nicht ersetzen kann.

Mit Wikipedia zur Religion der Mandarine

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Hierzulande wagt man es noch nicht so offen auszusprechen, wie z.B. der amerikanische Politikwissenschaftler und Philosoph Jason Brennan (Buch: „Gegen Demokratie“) es tut, der für eine Epistokratie, eine sogenannte Philosophenherrschaft eintritt, in der nur noch gebildete, politisch informierte Bürger wählen dürfen: Die Leute sind einfach zu blöde für die Demokratie. Brennan muss allerdings offen lassen, wie die Epistokraten auserwählt werden sollen.
Thomas Grundmann: Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen. Wem glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste, in: FAZ 09.10.2020 versucht dies geschickter anzugehen, indem er die Grundlagen für eine neue Religion der Mandarine legt. Eine moderne, eine säkulare Religion, weil „geglaubt“ werden soll, die Frage ist nur, an wen?
Zunächst stellt er fest, dass der Coronavirus die Gesellschaft „massives Erkenntnisproblem“ stellt. Wir brauchen „eindeutige“ Stellungnahmen, bekommen aber unterschiedliche Einschätzungen von Experten. „Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?“ Ganz einfach: die „Laiin“ macht einen Schnellcheck bei Wikipedia, dem man „in der Regel trauen“ kann. Grundmann entwirft sein Idealbild eines idealen Experten, der einschlägig, spezialisiert, kompetent , nicht befangen, ohne handwerkliche Fehler ist, aktiv forscht und in anerkannten Fachzeitschriften regelmäßig veröffentlicht und – dies ist der wichtigste Punkt – dabei immer die Mehrheitsmeinung vertritt.
Zunächst ist festzuhalten:  Für die Recherche nach Informationen und ihre Evaluation sind Techniken und Strategien der Informationswiedergewinnung (Information Retrieval) entwickelt worden, die zu den Kulturtechniken des digitalen Zeitalters gehören. Sie auf die Abfrage von Wikipedia zu reduzieren, ist gefährlich und fahrlässig. So wertvoll im Alltag ein erster Blick auf Wikipedia ist, ist es als kollaboratives Werkzeug nicht nur vom Bearbeitungsprozess, sondern gerade bei kontroversen Themen von Problemen der internen Abstimmung und der Fähigkeit, Manipulationen abzuwehren, abhängig. Hinzu kommen interessengesteuerte externe Eingriffe in Wikipedia. Hier ist nicht der Platz, detailliert darauf einzugehen. Für die USA verweise ich auf die investigative Bloggerin Helen Buyniski, die derartige Fälle  dokumentiert hat und sich sogar 2018 zu einem emphatischen „J’accuse“ hinreißen ließ. Wikipedia Inhalte können heuristisch verarbeitet, müssen aber bei kontroversen Themen extern verifiziert werden.
Der Kern aber ist: mit dem Versuch, mediale Hegemonie durch Glauben an die  Experten der Mehrheitsmeinung zu sichern, ist die Religion der Mandarine entworfen.
Zur Erinnerung Immanuel Kant: Was ist Aufklärung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

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