Technofeudalismus

Michael Moorstedt: Auf dem Weg zum Techno-Feudalismus. Absolute Herrscher, die ihre Launen ausleben und den „Zehnten“ kassieren: Plattformunternehmen wie Twitter untergraben die Gesetze des Kapitalismus, Süddeutsche Zeitung 06.11.2022 stellt die Frage, ob sich nicht strukturell etwas geändert hat, was man mit dem „Gedankenbild des Feudalismus“ bezeichnen könnte: Statt Kapitalakkumulation durch Produktion zu betreiben, saugen die Plattformen wie Uber, Airbnb und Doordash die zugrundeliegende Ökonomie parasitär aus: „Durch Plattformunternehmen unterwerfen sich Handwerker, Putzfrauen, Hundespaziergänger, Reinigungskräfte einem neuen Mittelsmann, der Kundenbeziehung und Marktzugang kontrolliert. Und während diese Arbeiter früher einen eigenen Verdienst hatten, zieht nun der eigentlich überflüssige Vermittler eine neue Gebühr ein.“
Durch die sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube sollte der soziale Zusammenhalt durch Austausch verbessert werden. Stattdessen stellen wir Informationen zur Verfügung, die Mehrwert für Plattformen schaffen. Der Zugang zu den so entstandenen Informationen wird uns nur noch selektiv gewährt. Eine neue Kaste ist entstanden. „Diejenigen, die noch über genügend Kapital verfügen, können sich den Zugang zu einem höheren Stand erkaufen. Das Fußvolk dagegen wird in einen überfüllten und schlecht moderierten Inhalte-Slum gepackt, der von den Lehnsherren mit Werbung und Mikrotransaktionen gepflastert wird.“

Russisches Desinformationsökosystem

In einem Interview von Sven Scharf mit dem Kommunikationsexperten Lutz Güllner: Russische Desinformationskampagnen „In den sozialen Medien sehen wir verdeckte Geheimdienstoperationen“ Spiegel 27.10.2022 (hinter der Bezahlschranke) wird beschrieben, wie russische Desinformation mit unterschiedlichen Instrumenten und Gruppen arbeitet, die nicht alle zentralisiert und gesteuert sind. Dieses „Desinformationsökosystem“ fügt einerseits willkürliches Bildmaterial mit konstruierten Erzählungen zusammen, die leicht im Internet als Fake entlarvt werden können. Dem gegenüber stehen hochprofessionelle Kampagnen, z.B. das zahlreiche Klonen von Presse-Webseiten. Ziel sind zwei Dinge: „Erstens: Personen zu überzeugen oder zumindest zu verunsichern. Und zweitens: Manchmal geht es gar nicht darum, die Leute direkt von der russischen Sichtweise zu überzeugen, sondern einfach nur darum, Verwirrung zu stiften.“ Die Entwicklung zahlreicher Narrative oder die Kombination von Informationen mit falschen Kontexten soll zur Desorientung der Empfänger führen. Offizielle Verlautbarungen, staatliche Medien, Internetportale ergänzen einander. „In den sozialen Medien sehen wir geradezu verdeckte Geheimdienstoperationen: mit falschen Identitäten, mit Verstärkungen oder mit Strategien, um die Inhalte stärker zu verbreiten zu verstärken.“

Russische Desinformation

: Wie der russische Geheimdienst in Deutschland Informationswäsche betreibt, in: Welt 16.10.2022 (hinter der Bezahlschranke) analysiert eine Variante russischer Desinformation anhand der Webseite Eurobrics. „Es scheint, als würde das wahre Ausmaß russischer Einflussnahme in Deutschland erst allmählich erkennbar.“ Auf der Seite, die kein Impressum enthält, ist ein Stephan Ossenkopp als Autor und Kontaktperson identifiert worden. Er hat verschiedene Artikel für diese Webseite verfasst, für die er von Nachrichtenagentur Inforors Honorar erhalten hat. „Nach Recherchen dieser Zeitung betreibt Inforos nicht nur dieses Portal, von dem Ossenkopp sich interviewen ließ, sondern auch das deutsche Eurobrics“. Inforos soll laut den Autoren vom russischen Geheimdienst finanziert werden. Die Strategie hinter Eurobrics ist langfristig. Artikel aus anderen Internetquellen werden mit eigenen Artikeln gemischt, die das Weltbild des Kreml propagieren.

L. Wienand, S. Steurenthaler und S. Loelke: Putins Troll Armee greift Deutschland an, t-online 30.08.22 analysieren eine andere russische Desinformationstrategie. Fake-Webseiten, deren Internetadresse bis auf wenige Abweichungen Originalen ähnelt, werden aufgelegt. „Allen ist gemeinsam: Nach dem Klick auf einen Link wirkt die Umgebung täuschend echt. Technisch werden Codes der Originalseite eingebunden, dazu Bilder und Logos und sogar die Anzeigenausspielung. Die Artikel, die man dort liest, und die Videos, die man dann mit dem Logo der Medienmarken anschauen kann, sind klar prorussische Propaganda.“ Fake-Beiträge bei Facebook und Twitter werden angelegt und letzendlich Kommentarbereiche normaler Webseiten mit Propaganda geflutet.

 

Handbuch des Hasses

Die antifaschistische Initiative „Hooligans gegen Satzbau“ hat 2018 ein pdf HANDBUCH FÜR MEDIENGUERILLA erstellt, das verschiedene Beiträge der rechten Manipulation sozialer Medien zusammenfassen soll.  Im Zusammenhang mit dem Selbstmord der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die von im Internet bedroht und verfolgt wurde, wird erneut darauf verwiesen. Z.B. Nina Bovensiepen und Ben Heubl: Handbuch des Hasses. Hetze und Drohungen im Internet, Süddeutsche Zeitung 16.08.2022 (hinter der Bezahlschranke).

Es wird dabei übersehen, dass es sich dabei nicht – wie erhofft – um einen authentischen Text rechter Internettrolle handelt, sondern offensichtlich um ein Werk der Kommunikationsguerilla. 

Der zugespitzte Inhalt wirft zwar einerseits den Blick auf einige Elemente rechter Mobbingstrategien, spiegelt aber andererseits die eigenen Klischees zurück. Auf dieser Grundlage ist es kaum möglich, effektive Gegenstrategien zu entwickeln.  

Authentisch scheint dagegen der Bericht über den Style Guide eines Neo Nazi Blogs in den USA sein:

Andrew Marantz: Inside the Daily Stormer’s Style Guide. A surprisingly fastidious handbook for the neo-Nazi blog lists eighteen “advisable” racial slurs and advocates for “extreme exaggeration.” The New Yorker 15.01.2018

siehe z.B. Simone Teune: Kommunikationsguerilla. Ursprünge und Theorie einer subversiven Protesttaktik, Diplomarbeit Berlin: 2004

Algorithmic Anxiety

Fast jede Internetplattform bedient sich irgendeiner Form der algorithmischen Empfehlung. Der Versuch, aus vergangenem Verhalten den Benutzer zu Kauf oder Benutzung bestimmter Dinge anzuhalten, führt aber zu einer Verengung der Wahrnehmung der eigenen Wünsche und Vorlieben. Kyle Chayka: The Age of Algorithmic Anxiety. Interacting online today means being besieged by system-generated recommendations. Do we want what the machines tell us we want? The New Yorker 25.07.2022 schreibt dazu: „Besieged by automated recommendations, we are left to guess exactly how they are influencing us, feeling in some moments misperceived or misled and in other moments clocked with eerie precision. At times, the computer sometimes seems more in control of our choices than we are.“ Dieses psychische Eindringen wird zunehmend sondern als Angst vor der umfassenden Manipulation der Algorithmen empfunden (algorithmic anxiety), dem man kaum mehr das eigene Wünschen entgegensetzen kann, sich vielmehr in bestimmten Bereichen dem unterwirft, um so optimiert von anderen wahrgenommen zu werden. „It can feel as though every app is trying to guess what you want before your brain has time to come up with its own answer, like an obnoxious party guest who finishes your sentences as you speak them. We are constantly negotiating with the pesky figure of the algorithm, unsure how we would have behaved if we’d been left to our own devices. No wonder we are made anxious.“
Jeremy D. Larson: The Woes of Being Addicted to Streaming. After a decade under the influence of music algorithms, a look at what streaming services afford the most engaged fans and what lingers below the surface. Pitchfork 23.05.2022 beschreibt, wie die Empfehlungsflut von Spotify ihm die Lust am Musikhören raubt, indem er immer im gleichen sterilen Kreis verbleibt: nichts mehr aufregend, nichts mehr emotional.
Michael Moorstedt: Das Tiktok-Gehirn. Wie von Algorithmen ausgewählte Inhalte alle Timelines verstopfen – und unsere Gedanken. Süddeutsche Zeitung 31.07.2022 stellt fest, dass „anxiety – Angst“ als Begriff zu kurz greift. Es sei eher die Nervosität, dass die Psyche mit Umgebung nicht mehr mitkommt. „Algorithmic Anxiety ist der stete Verdacht, dass die eigenen Neigungen, der Geschmack umgeformt werden. Sieht man Dinge, weil man sie wirklich interessant findet – oder nur weil die KI meint, dass man sie interessant finden könnte? Das vermiest einem die Freude, die man früher bei der Entdeckung von Neuem empfunden hat.“ Ist das noch der eigene Geschmack, die eigene Entdeckungsfreude – oder nur die Überredungsmacht der Empfehlungsmaschine? Auch der Begriff des Algorithmus scheint hier zu eng gefasst, eher zur Metapher geworden. „In seiner neuen Interpretation wird der Algorithmus eher als Naturgewalt oder arkane Kunst wahrgenommen. So oder so aber als eine Entität, die sich außerhalb menschlichen Einflussvermögens befindet.“

Wikipedia Manipulation Glyphosat

Marvin Oppong: Artikel manipuliert? Was bei Wikipedia zu Glyphosat steht, stinkt, Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.07.2022 (hinter der Bezahlschranke) analysiert die Manipulationen, die hauptsächlich der Wikipedia-Administrator „Leyo“, einer von 191 der deutschsprachigen Wikipedia, an dem Artikel über Glyphosat vorgenommen hat. Zwischen April 2007 und April 2021 hat er 144 Änderungen an dem Eintrag vorgenommen und 250 Mal die Diskussionsseite zum Artikel Glyphosat bearbeitet. Der Autor weist nach, dass „Leyo“ systematisch Hinweise und Quellen anderer Benutzer, die auf die mögliche krebserregende Wirkung von Glyphosat hinweisen, entfernt hat. Die Beweggründe bleiben unklar, „Leyo“ selbst verneint, Zahlungen von Bayer erhalten zu haben. „Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Manipulationen an Wikipedia-Inhalten ans Tageslicht gekommen. …Der Verein wird seiner Verantwortung, die aus der Relevanz der Wikipedia erwächst, nur in Teilen gerecht. 2020 hat der Deutsche Rat für Public Relations Wikipedia eine Rüge erteilt, wegen ’nach wie vor bestehender unzureichender Transparenz und Absenderkennzeichnung bei deutschsprachigen Wikipedia-Einträgen'“.

Social Hacking

Gareth Norris, Max Eiza, Oliver Buckley: Email scams are getting more personal – they even fool cybersecurity experts, The Conversation 11.07.2022 analysiert, wie Daten aus Social Media Einträgen zu Betrug eingesetzt werden:

„Fraudsters are using spam bots to engage with victims who respond to the initial hook email. The bot uses recent information from LinkedIn and other social media platforms to gain the victim’s trust and lure them into giving valuable information or transferring money. This started over the last two to three years with the addition of chatbots to websites to increase interactions with customers.

„Social media is making it easier for scammers to craft believable emails called spear phishing. The data we share every day gives fraudsters clues about our lives they can use against us. It could be something as simple as somewhere you recently visited or a website you use. Unlike general phishing (large numbers of spam emails) this nuanced approach exploits our tendency to attach significance to information that has some connection to us. When we check our full inbox, we often pick out something that strikes a chord. This is referred to in psychology as the illusory correlation: seeing things as related when they aren’t.“

Christina Lekati: Social Engineering Kill–Chain: Predicting, Minimizing & Disrupting Attack Verticals, ahead 02.06.2022 beschreibt die verschiedenen Phasen der Social-Engineering-Angriffe. 1. Phase Planung, Recherche und Vorbereitung: Erkundung und Identifizierung von Zielen, Pretexting (harmlose Fragen stellen). 2. Ausführung: Vertrauensbildung, Ausbeutung 3. Exfiltration: Ausführung wird abgeschlossen und beendet. Sie skizziert Elemente der Verteidigung und kommt zu dem Schluss:

„While we can (and should) mitigate certain risks, social engineers will find a way to reach an employee and attempt to manipulate them. Humans are and will remain an additional layer of defense for organizations. They need to be able to identify an attack, thwart it, and report it.“

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