Grenzen der Youtube Netzwerkanalyse

Christina Braun: So isoliert sind Kanäle von Coronaleugner:innen auf YouTube Netzpolitik.org 09.12.2021  bespricht die Netzwerkanalyse von Coronaleugnern auf Youtube des Youtubers Fynn Kröger https://www.youtube.com/watch?v=jXb-zSPjhPI&ab_channel=Ultralativ.
„Startpunkt waren 15 händisch ausgewählte Kanäle aus der deutschen Coronaleugner:innenszene. Dazu zählte Kröger nicht nur Kanäle von Personen, die das Virus selbst leugnen, sondern auch die Gefahren, die von ihm ausgehen….Dann hat Kröger alle YouTube-Kanäle ermittelt, die diese 15 ausgewählten Kanäle abonniert haben oder auf sie in ihrem Profil verweisen. Diesen Daten lassen sich mit der offenen Programmierschnittstelle (API) von YouTube abgreifen. In einem zweiten Durchgang wiederholte er diesen Prozess für alle Kanäle aus der ersten Runde. Nachträglich aussortiert wurden Kleinstkanäle mit weniger als 1.000 Videoaufrufen. Am Ende kam Kröger so auf rund 7.500 Kanäle.“
Kröger kommt zu dem Ergebnis, dass die Kanäle der „Coronaleugner:innen“ ein isoliertes Knäuel bilden:
“Diese konspirativen Kanäle sind nicht, wie sie gerne behaupten, einzelne Leute aus der Mitte der Gesellschaft. Sie sind nicht streuselkuchenartig über das ganze Netzwerk verteilt und normale Mitglieder dieser sozialen Umgebung, nein, die sitzen alle hier auf engstem Raum am Kindertisch. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Randfiguren, die in dem monothematischsten und am stärksten untereinander und am schwächsten mit anderen Kanälen verbundenen Cluster rumhängen. Dieses Cluster ist das Paradebeispiel einer Echokammer. Eines sozialen Raums, in dem die eigene Meinung nur gespiegelt aber nicht herausgefordert wird.”
Bei allem Respekt vor dem Aufwand der Untersuchung, ist das Ergebnis aus mehreren Gründen uninteressant: Er definiert selbst die Kanäle und nimmt sie als eindimensionale Parameter. Der Status des „Abonnements“ wird statisch gesetzt. Inwieweit die Abonnenten andere Informationsquellen nutzen, muss offen bleiben. Ein anderer Datenwissenschaftler sieht entsprechend die Abschottung in Echokammern nicht nachgewiesen an. „Streuselkuchenartig“ meint wohl Normalverteilung, die als Ideal gesetzt wird.
Es bleibt das Ergebnis, dass Personen mit bestimmter Meinung sich häufig Youtube-Videos ansehen, die ihrer Meinung entsprechen. So euphorisch auch die Kommentare unter diesem Video sind: Das ist nichts Neues. Interessant wäre es, wenn wir wüssten, ob Alter, Region, Beruf und Sozialstruktur bei bestimmter Teilhabe eine Rolle spielten, also unabhängige Parameter, und welchen Status Youtube in der Informations- und Unterhaltungswelt der Benutzer hat. Dies lässt sich aber durch eine isolierte Netzwerkanalyse nicht herausbekommen. Insofern kann man auch leider keine politischen Handlungskonsequenzen aus derartigen Untersuchungen ziehen. Es ist nur Infotainment für eine – diesmals anders strukturierte – Community.

Der Staat als Mobbing-Komplize

So sehr die Öffentlichkeit sich auch erhitzt, wenn Hassmails und Mobbing gegen die eigene Person oder zumindest die eigene politische Position gerichtet werden, so zeigt sich  an anderen Fällen, dass eine allgemeine moralische Grundlage fehlt, geschweige denn, dass ein allgemeines konsensuales Instrumentarium dagegen entwickelt wird. Am Fall des Youtubers  Rainer Winkler alias “Drachenlord” zeigt sich exemplarisch das Versagen von Öffentlichkeit, Polizei und Justiz. “Jeden Tag hetzen Internetmobs in Deutschland unschuldige Menschen in die Verzweiflung und noch weiter. Aber noch nie haben sich eine deutsche Staatsanwältin und eine deutsche Richterin faktisch an die Spitze eines hochorganisierten Internetmobs gesetzt. Und anschließend das Opfer gedemütigt, eingesperrt und gebrandmarkt. Genau das aber ist am 21. Oktober 2021 mitten in Deutschland passiert, und damit ist großes Unrecht geschehen.” Dies schreibt Sascha Lobo in einer Kolumne, die im Gehalt dem “J’accuse” von Emile Zola im Fall Dreyfus nichts nachsteht, der aber die Öffentlichkeit als Resonanzkörper abhanden gekommen ist. Sascha Lobo: Ein jahrelanges Martyrium in Deutschland – und niemand hält es auf. Spiegel 27.10.2921

Der Fall soll hier nicht noch einmal dargestellt werden. Der Film von Y-Kollektiv: Drachenlord vs. Hater – wenn Cyber-Mobbing Realität wird, 24.11.2016 ARD-Mediathek gibt einen guten Überblick über die Geschichte. Der Artikel Lars Wienand: “Drachenlords” Hater. Die schlechten Gewinner, t-online 23.10.2021 hat über den Prozess berichtet. Es geht darum, dass eine Meute Mobbing, Beleidigung, Verletzung und letztlich Vernichtung einer Person digital und analog als Spiel betreibt und dass der Staat ihn nicht verteidigt, sondern ihm sogar das Rechts zur Verteidigung abspricht und ihn verurteilt.

“Die bittere Erkenntnis des Falles »Drachenlord« ist: Wenn ein Tausende Köpfe starker Hassmob im Netz beschließt, eine Person fertig zu machen – kann die Bundesrepublik dem nichts entgegensetzen. Schlimmer noch – der Hassmob ist durch die Unwissenheit und den Zynismus von Staatsorganen und der medialen wie sozialmedialen Öffentlichkeit in der Lage, den Staat zum Komplizen zu machen.”

Sascha Lob kommt zu dem Schluss: “Rainer Winkler ist die erste Person in Deutschland, die auf diese Weise mithilfe des Netzes gezielt vernichtet werden soll. Er wird nicht die letzte sein, wenn die Gesellschaft nicht herausfindet, wie Cybermobbing wirkungsvoll eingedämmt werden kann und wenn die Protagonisten nicht massenhaft zur Rechenschaft gezogen werden. Zum Beispiel für die Bildung eines organisierten Online-Hassmobs. Wenn Winkler tatsächlich jahrelang ins Gefängnis gehen wird oder wenn er sich irgendwann das Leben nehmen sollte – dann gibt es konkrete Schuldige.
Nicht nur den Hassmob samt seinen Zuschauern und Schaulustigen, sondern eben auch diejenigen, die sich auf verschiedene Arten an seinem Martyrium beteiligt haben. Oder es zuließen. Oder es für nicht so schlimm hielten. Oder irgendwie unterhaltsam fanden.”

Das einsame Netz – Lonely Web

“Der Grossteil aller Videos und Bilder im Internet wird kaum angesehen.” Kathrin Klette: Das «einsame Netz» ist der radikalste Teil des Internets, Neue Zürcher Zeitung vom 21.08.2020 analysiert den Teil des Internet, vermutlich über die Hälfte der Inhalte, Videos, Bilder, Beiträge, die offen zugänglich, aber nicht mehr sichtbar sind. “Sie sind durch die Algorithmen gerutscht, verschwunden im gigantischen Unterbauch des Internets. Dort dümpeln sie nahezu unentdeckt vor sich hin”. Das “einsame Netz – Lonely Web” enthält einen Raum der Einsamkeit, dessen Inhalte entweder gegen die Netzlogik verstoßen oder von den Algorithmen aussortiert werden. In Youtube erzielen 10% der Videos etwa 80% der Aufrufe. Stellt man Inhalte ins Netz, kann man nicht unbedingt mit einer mit einer viralen Resonanz rechnen. Ein Großteil des einsamen Netzes fühlt sich aber schon darin wohl, Inhalte in eine potentielle Öffentlichkeit zu bringen und damit deren Status zu verändern. “Normalerweise gilt im Netz das Prinzip: Ich werde gesehen, also bin ich. Für die einsamen Filmer gilt dagegen offenbar: Ich poste, also bin ich.

Verschiedene Anwendungen haben jetzt Inhalte des einsamen Netzes ans Licht gehoben:
–  Astronaut, Default Filename TVPetit-Tube und Underviewed :Youtube-Videos, die so gut wie nicht angesehen worden
Kickended : gescheiterte Fundraising-Kampagnen

Früherer Artikel zu Lonely Web:
Joe Veix: How the weird, unfiltered internet became a media goldmine, Splinter 1.6.16